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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 18. Oktober 2017

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Die Christliche Hoffnung - 37. Selig die Toten, die im Herrn sterben

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich die christliche Hoffnung der Wirklichkeit des Todes gegenüberstellen, einer Wirklichkeit, die unsere moderne Zivilisation immer mehr auszublenden versucht. So sind wir, wenn der Tod kommt – für jene, die uns nahestehen, oder für uns selbst – unvorbereitet und haben nicht einmal ein geeignetes »Alphabet«, um sinnvolle Worte über sein Geheimnis, das in jedem Fall bleibt, zu formulieren. Und dennoch drehten sich ersten Zeichen der menschlichen Zivilisation um eben dieses Rätsel. Man könnte sagen, dass der Mensch mit dem Totenkult entstanden ist.

Andere Zivilisationen vor uns hatten den Mut, ihm ins Gesicht zu schauen. Es war ein Geschehen, von dem die alten Menschen den neuen Generationen berichteten, als unvermeidliche Wirklichkeit, die den Menschen zwang, für etwas Absolutes zu leben. In Psalm 90 heißt es: »Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz« (V. 12). Die eigenen Tage zu zählen macht das Herz weise! Diese Worte führen uns zu einem gesunden Realitätssinn und vertreiben den Wahn der Allmacht. Was sind wir? Wir sind »vergänglich«, fast ein Nichts, heißt es in einem anderen Psalm (89,48). Unsere Tage gehen rasch vorbei: Selbst wenn wir 100 Jahre leben, erscheint uns am Ende alles nur wie ein Hauch. Oft habe ich alte Menschen sagen gehört: »Mein Leben ist wie im Flug vergangen…«

So legt der Tod unser Leben völlig blank. Er lässt uns entdecken, dass all unser Stolz, unser Zorn, unser Hass Nichtigkeit waren: reine Nichtigkeit. Wir merken mit Bedauern, dass wir nicht genug geliebt und nicht nach dem Wesentlichen gesucht haben. Und wir sehen im Gegensatz dazu das wirklich Gute, das wir gesät haben: die liebevollen Beziehungen, für die wir uns aufgeopfert haben und die uns jetzt an der Hand fassen. Jesus hat das Geheimnis unseres Todes erleuchtet. Mit seinem Verhalten gestattet er uns zu trauern, wenn ein geliebter Mensch uns verlässt. Er war »im Innersten erregt und erschüttert « vor dem Grab seines Freundes Lazarus und »weinte« (Joh 11,35). Wir spüren, dass Jesus uns durch diese Haltung sehr nahe ist, dass er unser Bruder ist. Er weinte um seinen Freund Lazarus. Und daher betet Jesus zum Vater, dem Quell des Lebens, und gebietet Lazarus, aus dem Grab herauszukommen. Und so geschieht es. Die christliche Hoffnung schöpft aus dieser Haltung, die Jesus gegenüber dem Tod des Menschen einnimmt: Wenn dieser in der Schöpfung vorhanden ist, so ist er doch eine Wunde, die den Liebesplan Gottes entstellt, und der Erlöser will uns davon heilen.

An einer anderen Stelle berichten die Evangelien von einem Vater, der eine schwerkranke Tochter hat und sich gläubig an Jesus wendet, damit er sie heilen möge (vgl. Mk 5,21-24.35-43). Und es gibt keine Gestalt, die erschütternder ist als ein Vater oder eine Mutter mit einem kranken Kind. Und sofort macht sich Jesus mit jenem Mann, der Jaïrus hieß, auf den Weg. An einem bestimmten Punkt kommt jemand aus dem Haus des Jaïrus und sagt ihm, dass das Mädchen gestorben sei und man den Meister nicht länger zu bemühen brauche. Jesus aber sagt zu Jaïrus: »Sei ohne Furcht; glaube nur!« (Mk 5,36). Jesus weiß, dass jener Mann versucht ist, mit Wut und Verzweiflung zu reagieren, weil das Mädchen gestorben ist, und rät ihm, die kleine Flamme zu bewahren, die in seinem Herzen brennt: den Glauben. »Sei ohne Furcht; glaube nur!« »Hab keine Angst, halte nur jene Flamme weiterhin am Brennen! « Und als sie dann beim Haus angekommen sind, wird er das Mädchen vom Tod auferwecken und es ihren Angehörigen lebendig zurückgeben. Jesus stellt uns auf diesen »Grat« des Glaubens.

Marta, die über den Tod ihres Bruders Lazarus weint, stellt er das Licht eines Glaubenssatzes entgegen: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?« (Joh 11,25-26). Das sagt Jesus immer wieder zu jedem von uns, immer wenn der Tod kommt und das Gefüge des Lebens und der Liebe zerreißt. Unsere ganze Existenz spielt sich hier ab, zwischen der Seite des Glaubens und dem Abgrund der Furcht. Jesus sagt: »Ich bin nicht der Tod, ich bin die Auferstehung und das Leben, glaubst du das? Glaubst du das?« Glauben wir, die wir heute hier auf dem Petersplatz sind, das?

Vor dem Geheimnis des Todes sind wir alle klein und wehrlos. Welch eine Gnade jedoch, wenn wir in jenem Augenblick im Herzen die kleine Flamme des Glaubens bewahren! Jesus wird uns an der Hand fassen, wie er die Tochter des Jaïrus an der Hand fasste, und wird noch einmal sagen: »Talita kum!« »Mädchen, ich sage dir, steh auf!« (Mk 5,41). Er wird es zu uns sagen, zu einem jeden von uns: »Steh auf, erstehe auf!« Ich lade euch jetzt ein, die Augen zu schließen und an jenen Augenblick zu denken: den Augenblick unseres Todes. Jeder von uns möge an den eigenen Tod denken und möge sich jenen Augenblick vorstellen, der kommen wird, wenn Jesus uns an der Hand fassen und zu uns sagen wird: »Komm, komm mit mir, steh auf.« Dort wird die Hoffnung enden und zur Wirklichkeit werden, zur Wirklichkeit des Lebens. Denkt gut darüber nach: Jesus selbst wird zu einem jeden von uns kommen und uns an der Hand fassen, mit seiner Zärtlichkeit, seiner Güte, seiner Liebe. Und jeder wiederhole in seinem Herzen das Wort Jesu: »Steh auf, komm mit. Steh auf, komm mit. Steh auf, erstehe auf!«

Das ist unsere Hoffnung angesichts des Todes. Für den, der glaubt, ist er eine Tür, die völlig offen steht; für den, der zweifelt, ist er ein Lichtschimmer, der durch einen Spalt eindringt, der nicht völlig verschlossen ist. Für uns alle wird er jedoch eine Gnade sein, wenn das Licht der Begegnung mit Jesus uns erleuchten wird.

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Herzlich heiße ich die Pilger deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Schützen und die anderen Vereine aus dem Landkreis Cloppenburg sowie die vielen Jugendlichen, vor allem die Schülerinnen der Liebfrauenschule in Bonn. Ich wünsche euch einen guten Aufenthalt in Rom und segne euch alle von Herzen.

 



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