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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH ECUADOR, BOLIVIEN UND PARAGUAY

(5.-13. JULI 2015)

HEILIGE MESSE FÜR DIE EVANGELISIERUNG DER VÖLKER

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Quito, Bicentenario-Park
Dienstag, 7. Juli 2015

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Das Wort Gottes lädt uns ein, die Einheit zu leben, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21).

Ich stelle mir jene verhaltenen Worte Jesu beim Letzten Abendmahl als einen lauten Ausruf in dieser Messe vor – stellen wir uns das gemeinsam vor! – in dieser Messe, die wir im „Bicentenario-Park“ feiern, dem Park der Zweihundertjahrfeier jenes Ausrufs der Unabhängigkeit Lateinamerikas. Das war ein Ausruf, der aus dem Bewusstsein des Mangels an Freiheit, der Unterdrückung und Plünderung, der Unterwerfung unter die „zufälligen Nützlichkeiten der jeweiligen Machthaber“ hervorging (Evangelii gaudium 213).

Ich möchte, dass heute die beiden Ausrufe angesichts der schönen Herausforderung der Evangelisierung tief übereinstimmen. Diese soll nicht von hochtönenden Worten ausgehen oder mit komplizierten Begriffen arbeiten, sondern aus der „Freude des Evangeliums“ entspringen, die „das Herz und das gesamte Leben derer erfüllt, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung, … der abgeschotteten Geisteshaltung“ (Evangelii gaudium 1-2). Wir, die wir uns hier alle mit Jesus um den Tisch versammelt haben, sind ein Ausruf, ein Schrei, welcher aus der Überzeugung hervorgeht, dass seine Anwesenheit uns zur Einheit antreibt, dass sie „einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet“ (Evangelii gaudium 14).

Vater, sie sollen eins sein, damit die Welt glaubt“ (vgl. Joh 17,21), so wünschte es sich Jesus und erhob seine Augen zum Himmel. Diese Bitte bricht aus Jesus hervor im Zusammenhang mit einer Sendung: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt“ (Joh 17,18). In jenem Augenblick erfährt der Herr ganz persönlich die zunehmende Bosheit dieser Welt, die er trotzdem wie verrückt liebt: Intrigen, Misstrauen, Verrat – aber er zieht nicht den Kopf ein, er beklagt sich nicht.  – Auch wir stellen tagtäglich fest, dass wir in einer Welt leben, die von Kriegen und Gewalt zerrissen ist. Es wäre oberflächlich zu denken, dass Spaltung und Hass sich nur auf die Spannungen zwischen Ländern und sozialen Gruppen beziehen. In Wirklichkeit sind sie ein Ausdruck dieses „verbreiteten Individualismus“, der uns trennt und uns gegeneinander stellt (vgl. Evangelii gaudium 99), ein Ausdruck dieser Wunde der Sünde im Herzen der Menschen, unter deren Folgen auch die Gesellschaft und die ganze Schöpfung leiden. In ebendiese herausfordernde Welt mit ihren Egoismen sendet uns Jesus, und unsere Antwort ist nicht, uns dumm zu stellen, uns damit herauszureden, dass wir keine Mittel haben oder dass die Wirklichkeit unsere Möglichkeiten übersteigt. Unsere Antwort wiederholt die Klage Jesu und nimmt die Gnade und den Auftrag zur Einheit an.

Dem damaligen Ruf nach Freiheit, der vor etwas mehr als zweihundert Jahren hervorbrach, fehlte es weder an Überzeugung, noch an Kraft. Aber die Geschichte lehrt uns, dass er erst dann durchschlagend war, als er die Personalismen und das Streben nach einer einzigen Führung beiseite ließ und den Mangel an Verständnis für andere Befreiungsprozesse überwand, die anders geartete Charakteristiken besaßen, darum aber nicht antagonistisch waren.

Und die Evangelisierung kann ein Mittel der Einheit in Bestrebungen, Sensibilitäten, Wunschträumen und sogar in gewissen Utopien sein. Selbstverständlich; wir glauben daran und rufen es hinaus. „Während in der Welt, besonders in einigen Ländern, erneut verschiedene Formen von Kriegen und Auseinandersetzungen aufkommen, beharren wir Christen auf dem Vorschlag, den anderen anzuerkennen, die Wunden zu heilen, Brücken zu bauen,  Beziehungen zu knüpfen und einander zu helfen, so dass »einer des anderen Last trage« (Gal 6,2)“ (vgl. Evangelii gaudium 67). Die Sehnsucht nach Einheit ist „die innige und tröstende Freude der Verkündigung des Evangeliums“ (Paul VI., Evangelii nuntiandi 80), die Überzeugung, ein unermessliches Gut zu haben, das zu teilen ist, und wenn es geteilt wird, Wurzeln fasst; und jeder Mensch, der diese Erfahrung gemacht hat, wird sensibler für die Bedürfnisse der anderen (vgl. Evangelii gaudium 9). Von daher ist es notwendig, für die Inklusion auf allen Ebenen zu kämpfen – für die Inklusion auf allen Ebenen zu kämpfen! – Egoismen zu vermeiden, die Kommunikation und den Dialog zu fördern sowie zur Zusammenarbeit zu ermutigen. Man soll „das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen ... Sich dem anderen anvertrauen ist etwas »Selbstgemachtes«. Der Friede ist selbstgemacht” (Evangelii gaudium 244). Es ist undenkbar, dass die Einheit aufstrahlt, wenn uns die geistliche Weltlichkeit durch ein steriles Streben nach Macht, Prestige, Vergnügen oder wirtschaftlicher Sicherheit in einem Krieg unter uns beharren lässt. Und das auf den Schultern der Ärmsten, der völlig Ausgeschlossenen, der Wehrlosesten, derer, die ihre Würde nicht verlieren, obwohl sie täglich mit Füßen getreten wird.

Diese Einheit ist bereits eine missionarische Tätigkeit „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Die Evangelisierung besteht nicht darin, Proselytismus zu betreiben – der Proselytismus ist eine Karikatur der Evangelisierung –, sondern evangelisieren heißt, mit unserem Zeugnis die Fernstehenden anzuziehen, heißt, in Demut auf jene zuzugehen, die sich fern von Gott und der Kirche fühlen, auf diejenigen zuzugehen, die sich von vornherein beurteilt und verurteilt fühlen von denen, die sich für vollkommen und rein halten. Auf diejenigen zuzugehen, die furchtsam oder gleichgültig sind, um ihnen zu sagen: „Der Herr ruft auch dich, Teil seines Volkes zu sein, und er tut es mit großer Achtung und großer Liebe!“ (Evangelii gaudium 113). Denn unser Gott achtet uns sogar in unserer Niederträchtigkeit und unserer Sünde. Diese Einladung des Herrn – mit welcher Demut und mit welcher Achtung drückt es der Text aus der Geheimen Offenbarung aus (vgl. 3,20)! –: „Schau, ich stehe vor der Tür und rufe. Willst du mir öffnen?“ Er zwingt nicht, er bricht nicht das Türschloss auf, er läutet nur an der Hausglocke, klopft leise an und hofft… Das ist unser Gott!

Die Sendung der Kirche als Sakrament des Heils steht im Einklang mit ihrer Identität als pilgerndes Volk, mit ihrer Berufung, auf ihrem Weg alle Völker der Erde aufzunehmen. Je intensiver die Gemeinschaft unter uns ist, um so mehr wird die Sendung gefördert (vgl. Johannes Paul II., Pastores gregis, 22). Die Kirche in den Kontext der Mission zu stellen heißt für uns, die Gemeinschaft wiederherzustellen, da es nicht mehr um eine nur nach außen gerichtete Tätigkeit geht... Wir missionieren auch nach innen. Und wir missionieren nach außen und zeigen uns dabei, wie sich eine Mutter zeigt:  „als Mutter…, die dem Menschen entgegengeht, als ein gastfreundliches Haus, eine ständige Schule missionarischer Gemeinschaft (Dokument von Aparecida, 370).

Dieser Traum Jesu ist möglich, denn er hat uns geheiligt: „Ich heilige mich für sie“, sagt er, „damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“ (Joh 17,19). Das geistliche Leben des Verkünders des Evangeliums geht aus dieser so tiefen Wahrheit hervor und ist nicht zu verwechseln mit manchen religiösen Momenten, die einen gewissen Trost schenken – eine wohl verbreitete Spiritualität… Jesus heiligt uns, um eine Begegnung mit ihm auszulösen, von Person zu Person, eine Begegnung, welche die Begegnung mit den anderen, den Einsatz in der Welt und die Leidenschaft für die Evangelisierung nährt (vgl. Evangelii gaudium 78).

Das Innere Gottes, das uns unbegreiflich ist, wird uns in Bildern geoffenbart, die uns von Gemeinschaft sprechen, von Mitteilung, von Schenkung und Liebe. Darum ist die Einheit, um die Jesus bittet, nicht Einförmigkeit, „sondern vielgestaltige Harmonie, die anzieht“ (Evangelii gaudium 117). Der unermessliche Reichtum der Mannigfaltigkeit, der Vielheit, die jedes Mal, wenn wir das Gedächtnis jenes Gründonnerstags begehen, die Einheit erreicht, entfernt uns von Versuchungen durch integralistische Vorschläge, die eher Diktaturen, Ideologien und dem Sektenwesen ähneln. Der Vorschlag Jesu ist konkret, nicht eine Idee, er ist konkret: „Geh und handle genauso“, sagt er zu dem Mann, der ihn fragt: „Wer ist mein Nächster?“ Nachdem Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt hat, sagt er: „Geh und handle genauso!“ (vgl. Lk 10, 29-37).

Ebenso wenig ist der Vorschlag Jesu eine Übereinkunft nach unserem Maß, in der wir es sind, die die Bedingungen stellen, die Mitglieder wählen und die anderen ausschließen. Diese „Elite“-Religiosität – das ist nicht die Religiosität Jesu. Jesus betet, dass wir Teil einer großen Familie werden, in der Gott unser Vater ist und wir alle Geschwister sind. Niemand ist ausgeschlossen, und das baut nicht darauf auf, den gleichen Geschmack, die gleichen Sorgen und die gleichen Talente zu haben. Wir sind Geschwister, weil Gott uns aus Liebe erschaffen und uns allein durch seinen Ratschluss dazu bestimmt hat, seine Kinder zu sein (vgl. Eph 1,5). Wir sind Geschwister, weil „Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz sandte, den Geist, der ruft: Abba! Vater!“(Gal 4,6). Wir sind Geschwister, weil wir durch das Blut Jesu Christi gerechtfertigt sind (vgl. Röm 5,9), weil wir vom Tod zum Leben hinübergegangen und „Erben“ der Verheißung geworden sind (vgl. Gal 3,26-29; Röm 8,17). Dies ist das Heil, das Gott wirkt und das die Kirche freudig verkündet: Teil des „Wir“ zu sein, das bis zum göttlichen „Wir“ führt.

Unser Ruf an diesem Ort, der an jenen ersten Ruf nach Freiheit erinnert, aktualisiert den Ausruf des heiligen Paulus: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16). Er ist ebenso dringend und unerlässlich wie jener der Sehnsucht nach Unabhängigkeit. Er hat eine ähnliche Faszination, er hat das gleiche Feuer, das anzieht. Brüder und Schwestern,  habt die Gesinnung Jesu! (vgl. Phil 2,5): Seid ein Zeugnis der brüderlichen Gemeinschaft, das hinausstrahlt!

Und wie schön wäre es, wenn alle bewundern könnten, wie wir füreinander sorgen! Wie wir uns gegenseitig ermutigen und einander begleiten. Die Selbsthingabe ist das, was die zwischenmenschliche Beziehung begründet, die nicht dadurch entsteht, dass man „Dinge“ schenkt, sondern sich selbst. In jeder Gabe schenkt man seine eigene Person. „Sich geben“ heißt, in sich selbst die ganze Macht der Liebe, die der Geist Gottes ist, wirken zu lassen und damit den Weg für seine schöpferische Kraft freizugeben. Und sich auch in den schwierigsten Momenten zu geben wie an jenem „Gründonnerstag“ Jesu, an dem er wusste, wie der Verrat und die Intrigen gesponnen wurden, sich aber dennoch verschenkte und verschenkte, sich an uns verschenkte mit seinem Plan der Erlösung. Wenn der Mensch sich verschenkt, begegnet er wieder sich selbst in seiner wahren Identität als Kind Gottes, dem Vater ähnlich und wie er Lebensspender, als Bruder Jesu, von dem er Zeugnis gibt. Das heißt evangelisieren, das ist unsere Revolution – denn unser Glaube ist immer revolutionär –, das ist unser tiefster und ständiger Ausruf.


FREI GESPROCHENE WORTE AM ENDE DER MESSE

Liebe Brüder und Schwestern,

ich danke euch für diese Feier, dass wir uns um den Altar des Herrn versammelt haben, der uns bittet, eins zu sein, wirklich Geschwister zu sein, dass die Kirche ein Haus von Geschwistern sei. Gott segne euch. Und ich bitte euch, nicht zu vergessen, für mich zu beten.

 



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