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BESUCH DER RÖMISCHEN SYNAGOGE

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Sonntag, 17. Januar 2016

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Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, heute hier in dieser Großen Synagoge bei euch zu sein. Für ihre freundlichen Worte danke ich Dr. Di Segni, Frau Dr. Dureghello und Rechtsanwalt Gattegna. Und euch allen danke ich für den herzlichen Empfang, danke! Todà rabbà!

Anlässlich meines ersten Besuchs dieser Synagoge als Bischof von Rom möchte ich euch den brüderlichen Friedensgruß dieser Teilkirche und der ganzen katholischen Kirche zum Ausdruck bringen und in diesen Gruß alle jüdischen Gemeinden einschließen. Unsere Beziehungen liegen mir sehr am Herzen. Schon in Buenos Aires pflegte ich die Synagogen zu besuchen und den dort versammelten Gemeinschaften zu begegnen, die jüdischen Feste und Gedenktage aus der Nähe zu begleiten und dem Herrn zu danken, der uns das Leben schenkt und uns auf dem Weg der Geschichte begleitet. Im Lauf der Zeit ist ein geistliches Band gewachsen, welches das Entstehen echter freundschaftlicher Beziehungen gefördert und auch einen gemeinsamen Einsatz inspiriert hat. Im interreligiösen Dialog ist es von grundlegender Bedeutung, dass wir uns vor unserem Schöpfer als Brüder und Schwestern begegnen, und ihn preisen wir, dass wir uns gegenseitig respektieren und schätzen und uns um Zusammenarbeit bemühen. Und im jüdisch-christlichen Dialog gibt es ein einzigartiges, besonderes Band durch die jüdischen Wurzeln des Christentums: Juden und Christen müssen sich also als Brüder fühlen, vereint von demselben Gott und einem reichen gemeinsamen geistlichen Erbe (vgl. Erklärung Nostra aetate, 4), auf das man sich stützen und die Zukunft weiter aufbauen muss.

Mit diesem meinem Besuch folge ich den Spuren meiner Vorgänger. Papst Johannes Paul II. kam vor 30 Jahren hierhin, am 13. April 1986; und Papst Benedikt XVI. war vor sechs Jahren bei euch. Johannes Paul II. prägte bei jener Gelegenheit den schönen Ausdruck »ältere Brüder«, und in der Tat seid ihr unsere älteren Brüder und unsere älteren Schwestern im Glauben. Wir gehören alle zu einer einzigen Familie, zur Familie Gottes, der uns als sein Volk begleitet und schützt. Als Juden und Katholiken sind wir gemeinsam aufgerufen, unsere Verantwortung gegenüber dieser Stadt wahrzunehmen, unseren – vor allem geistlichen Beitrag – zu leisten und die Lösung der verschiedenen aktuellen Probleme zu unterstützen. Ich wünsche, dass die Nähe, die gegenseitige Kenntnis und Wertschätzung zwischen unseren beiden Glaubensgemeinschaften immer mehr wachsen mögen. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass ich gerade heute, am 17. Januar, zu euch gekommen bin, an dem Tag, an dem die Italienische Bischofskonferenz den »Tag des Dialogs zwischen Katholiken und Juden« begeht.

Vor kurzem haben wir des 50. Jahrestags der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils gedacht, der den systematischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum ermöglicht hat. Am vergangenen 28. Oktober durfte ich auf dem Petersplatz auch zahlreiche jüdische Vertreter begrüßen und habe gesagt: »Besonders müssen wir Gott danken für den echten Wandel, den die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesen 50 Jahren erfahren hat. Gleichgültigkeit und Gegnerschaft haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt.

Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat durch die Erklärung Nostra aetate den Weg aufgezeigt: ›Ja‹ zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; ›Nein‹ zu jeder Form von Antisemitismus, Verurteilung jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung, die daraus hervorgehen.« Nostra aetate hat die Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum zum ersten Mal explizit theologisch definiert. Sie hat natürlich nicht alle uns betreffenden theologischen Fragen gelöst, aber sie hat in ermutigender Weise auf sie Bezug genommen und einen sehr wichtigen Impuls zu notwendiger, weiterer Reflexion gegeben. Diesbezüglich hat die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum am 10. Dezember 2015 ein neues Dokument veröffentlicht, das die theologischen Fragen behandelt, die in den seit der Promulgierung von Nostra aetate vergangenen Jahrzehnten zutage getreten sind. In der Tat verdient die theologische Dimension des jüdisch-katholischen Dialogs stets weitergehende Vertiefung, und ich möchte all jene, die an diesem Dialog beteiligt sind, ermutigen, mit Unterscheidungsgabe und Ausdauer in dieser Richtung fortzufahren. Gerade unter theologischem Gesichtspunkt zeigt sich ganz klar das unauflösliche Band, das Christen und Juden vereint. Um sich selbst zu verstehen, können die Christen nicht von den jüdischen Wurzeln absehen, und auch wenn die Kirche das Heil durch den Glauben an Christus verkündet, so erkennt sie doch die Unwiderruflichkeit des Alten Bundes und die beständige und treue Liebe Gottes zu Israel an. Zusammen mit den theologischen Fragen dürfen wir die großen Herausforderungen, die die Welt heute zu bewältigen hat, nicht aus dem Blick verlieren. Die Herausforderung einer ganzheitlichen Ökologie hat nunmehr Priorität, und als Christen und Juden können und müssen wir der ganzen Menschheit die biblische Botschaft hinsichtlich der Sorge für die Schöpfung anbieten.

Konflikte, Kriege, Gewalttaten und Ungerechtigkeiten fügen der Menschheit tiefe Wunden zu und rufen uns auf, den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit zu verstärken. Die Gewalt des Menschen gegen den Menschen steht im Widerspruch zu jeder Religion, die dieses Namens würdig ist, und insbesondere steht sie im Widerspruch zu den drei großen monotheistischen Religionen. Das Leben ist als Gabe Gottes heilig und unantastbar. Das fünfte Gebot des Dekalogs sagt: »Du sollst nicht morden« (Ex 20,13). Gott ist der Gott des Lebens und will es immer fördern und verteidigen. Und wir, die wir nach seinem Bild und ihm ähnlich erschaffen sind, sind gehalten, dasselbe zu tun. Jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes unser Bruder, unabhängig von seinerHerkunft oder seiner Religion. Jeder Mensch muss mit Wohlwollen betrachtet werden, wie es Gott tut, der allen seine barmherzige Hand reicht, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Herkunft, und der für jene sorgt, die ihn am meisten brauchen: die Armen, die Kranken, die Ausgegrenzten, die Schutzlosen. Wo das Leben in Gefahr ist, da sind wir noch mehr aufgerufen, es zu schützen. Weder Gewalt noch Tod werden je das letzte Wort vor Gott haben, der der Gott der Liebe und des Lebens ist. Wir müssen ihn inständig bitten, damit er uns helfen möge, in Europa, im Heiligen Land, im Nahen Osten, in Afrika und in jedem anderen Teil der Welt die Logik des Friedens, der Versöhnung, der Vergebung, des Lebens zu praktizieren.

Das jüdische Volk musste in seiner Geschichte Gewalt und Verfolgung erleben, bis hin zur Vernichtung der europäischen Juden in der Shoah. Sechs Millionen Menschen wurden, nur weil sie zum Volk der Juden gehörten, Opfer der unmenschlichsten Barbarei, verübt im Namen einer Ideologie, die den Menschen an die Stelle Gottes setzen wollte. Am 16. Oktober 1943 wurden über Tausend Männer, Frauen und Kinder der jüdischen Gemeinde Roms nach Auschwitz deportiert. Heute möchte ich von Herzen ganz besonders an sie erinnern: Ihr Leid, ihre Angst, ihre Tränen dürfen niemals vergessen werden. Und die Vergangenheit muss uns eine Lehre sein für Gegenwart und Zukunft. Die Shoah lehrt uns, dass stets höchste Wachsamkeit vonnöten ist, um zur Verteidigung der Menschenwürde und des Friedens umgehend eingreifen zu können. Ich möchte allen noch lebenden Zeugen der Shoah meine Nähe zum Ausdruck bringen und richte meinen besonderen Gruß an euch, die ihr hier anwesend seid.

Liebe ältere Brüder, wir müssen wirklich dankbar sein für all das, was in den letzten fünfzig Jahren erreicht worden ist, denn zwischen uns sind das gegenseitige Verständnis, das gegenseitige Vertrauen und die Freundschaft gewachsen und vertieft worden. Bitten wir gemeinsam den Herrn, dass er unseren Weg in eine gute, bessere Zukunft führen möge. Gott hat für uns Pläne des Heils, wie es der Prophet Jeremia ausdrückt: »Denn ich, ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe – Spruch des Herrn –, Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben« (Jer 29,11).

Der Herr segne und behüte uns. Er lasse sein Angesicht über uns leuchten und sei uns gnädig. Der Herr wende uns sein Angesicht zu und schenke uns Frieden (vgl. Num 6,24-26).  Shalom alechem!

 



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