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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH MYANMAR UND BANGLADESCH
(26. NOVEMBER - 2. DEZEMBER 2017)

 PRESSEKONFERENZ MIT DEM HEILIGEN VATER
AUF DEM RÜCKFLUG VON BANGLADESCH


Samstag, 2. Dezember 2017

[Multimedia]



 

Greg Burke:

Danke, Heiliger Vater, vor allem danke. Sie haben zwei interessante Länder für einen Besuch ausgewählt, zwei sehr verschiedene Länder, die aber etwas gemeinsam haben, nämlich dass in jedem dieser Länder eine kleine, aber aktive Kirche besteht, die voll Freude und voll von jungen Menschen ist und mit einem Geist des Dienstes an der ganzen Gesellschaft erfüllt ist. Wir haben gewiss viel gesehen, wir haben viel gelernt, aber es interessiert uns auch [zu wissen], was Sie gesehen und gelernt haben.

Papst Franziskus:

Guten Abend, wenn wir von hier ausgehen, oder guten Nachmittag, wenn wir an Rom denken. Vielen Dank für eure Arbeit. Wie Greg gesagt hat, sind es zwei sehr interessante Länder mit sehr traditionellen, tiefen und reichen Kulturen. Deshalb denke ich, dass eure Arbeit sehr intensiv gewesen sein muss. Vielen Dank.

Sagrario Ruiz de Apodaca (Radio Nacional de España):

Guten Abend, Heiliger Vater. Danke. Ich stelle mit der Erlaubnis meiner italienischen Kollegen meine Frage auf Spanisch, weil ich meinem Italienisch noch nicht traue, aber wenn Sie auf Italienisch antworten möchten, wäre es für alle bestens.

[Auf Spanisch] Die Krise der Rohingya stand während des Großteils dieser Asienreise im Mittelpunkt. Gestern haben Sie sie schließlich in Bangladesch beim Namen genannt. Hätten Sie sich gewünscht, dasselbe in Myanmar getan zu haben, sie mit demselben Wort „Rohingya“ zu nennen? Und was empfanden Sie gestern, als Sie sie um Vergebung baten?

Papst Franziskus:

[Auf Spanisch] Es war gestern nicht das erste Mal. Verschiedene Male habe ich sie öffentlich vom Petersplatz aus beim Angelus oder bei Audienzen genannt…

Sagrario Ruiz de Apodaca:

Aber auf dieser Reise…

Papst Franziskus:

Ja, aber ich möchte unterstreichen, dass man schon wusste, was ich dazu dachte und gesagte hatte. Aber ihre Frage ist sehr interessant, [fährt auf Italienisch fort] weil sie mich dazu bringt, darüber nachzudenken, wie ich versuche zu kommunizieren. Für mich ist das Wichtigste, dass die Botschaft ankommt, und deshalb zu versuchen, die Dinge Schritt für Schritt zu sagen und den Antworten zuzuhören, damit die Botschaft ankommt. Zum Beispiel, ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Junge oder ein Mädchen in der Pubertät kann sagen, was er oder es denkt, indem er oder es dem anderen die Türe ins Gesicht schlägt, und die Botschaft kommt nicht an, man macht zu. Mich interessiert, dass diese Botschaft ankommt. Deshalb habe ich gesehen, dass, wenn ich dieses Wort in der offiziellen Rede [in Myanmar] ausgesprochen hätte, ich die Türe ins Gesicht geschlagen hätte. Aber ich habe die Situationen beschrieben, die Bürgerrechte, ohne jemanden auszuschließen, um mir zu erlauben, in den privaten Unterredungen, darüber hinaus zu gehen. Ich war sehr sehr zufrieden mit diesen Unterredungen, die ich halten konnte, weil es wahr ist, ich habe sozusagen nicht das Vergnügen gehabt, die Tür mit einer Anklage öffentlich ins Gesicht zu schlagen, aber ich habe die Genugtuung gehabt, Dialog zu führen, den anderen sprechen zu lassen, meinen Teil zu sagen, und so ist die Botschaft angekommen. Und sie ist zu diesem Punkt gekommen, ist weiter und weiter fortgeschritten und ist gestern damit zum Schluss gekommen. Und dies ist sehr wichtig in der Kommunikation: die Sorge darum, dass die Botschaft ankommt. Viele Male verschließen die Anklagen, auch in den Medien – ich will nicht beleidigen – mit einer gewissen Dosis an Aggression den Dialog, sie verschließen die Tür und die Botschaft kommt nicht an. Und ihr, die ihr Fachleute darin sein, Botschaften ankommen zu lassen, versteht dies gut.

Sie fragen mich, was ich gestern empfunden habe. Dies war so nicht geplant. Ich wusste, dass ich die Rohingya treffen würde. Ich wusste weder wo noch wie, aber dies war für mich Bedingung für die Reise und man hat die Modalitäten vorbereitet. Nach vielen Verhandlungen, auch mit der Regierung, mit der Caritas hat die Regierung die Reise von jenen, die gestern gekommen sind, erlaubt. Denn es ist durch die Regierung geschehen, die sie beschützt und ihnen Gastfreundschaft gewährt, und dies ist großartig: Was Bangladesch für sie tut, ist großartig, es ist ein Beispiel für die Aufnahmebereitschaft. Ein kleines, armes Land, das siebenhunderttausend Flüchtlinge aufgenommen hat… Ich denke an die Länder, die die Türen schließen…Wir müssen für das Beispiel, das sie uns gegeben haben, dankbar sein. Die Regierung muss über die internationalen Beziehungen mit Myanmar mit Genehmigungen und Dialog vorgehen…weil sie in Flüchtlingslagern sind, in einem Sonderstatus. Aber schließlich sind sie gekommen. Sie waren erschrocken, sie wussten nicht… Jemand hatte ihnen gesagt: „Ihr grüßt den Papst, ihr sagt nichts“ – jemand, der nicht von der Regierung Bangladeschs war – von den Leuten, die sich um die Kontakte kümmern…dann waren wir nach dem interreligiösen Dialog und nach den Gebeten religiös sehr offen. Dies hat das Herz von uns allen vorbereitet.  Zumindest ich empfand so. Und es kam der Augenblick, in dem sie mich begrüßen sollten. Im Gänsemarsch – das hat mir nicht gefallen, einer nach dem anderen -; aber sofort wollten sie sie von der Bühne verjagen. Da habe ich mich geärgert und habe etwas geschimpft – ich bin ein Sünder – und habe viele Male das Wort „Respekt“, Respekt gesagt. Ich habe die Sache gestoppt und sie sind dort geblieben. Nachdem ich dann einem nach dem anderen mithilfe des Dolmetschers, der ihre Sprache sprach, zugehört hatte, begann ich in meinem Inneren etwas zu hören: „Aber ich kann sie nicht gehen lassen, ohne ein Wort zu sagen“, und habe um das Mikrofon gebeten. Und ich habe begonnen zu sprechen… Ich kann mich nicht erinnern, was ich gesagt habe. Ich weiß, dass ich auf einmal um Vergebung gebeten habe. Ich glaube zweimal, ich erinnere mich nicht. Aber ihre Frage ist, was ich empfunden habe: In diesem Augenblick habe ich geweint. Ich tat es so, dass man es nicht sah. Sie weinten auch. Und dann habe ich gedacht, dass wir in einem interreligiösen Treffen waren, während die Würdenträger der anderen religiösen Traditionen alle weg waren. [So habe ich gesagt:] „Nein, kommt auch ihr: Diese sind die Rohingya von uns allen“. Und sie haben gegrüßt. Ich wusste nicht, was ich weiter sagen sollte, weil ich ihnen zuschaute, ich grüßte…Und ich habe gedacht: „Wir alle haben gesprochen, die religiösen Würdenträger. Aber einer von euch, möge ein Gebet sprechen, einer aus eurer Gruppe…“ Und ich glaube, dass es ein Imam war, ein „Geistlicher“ ihrer Religion, der dieses Gebet gesprochen hat und auch sie haben dort gebetet. Und nachdem ich alles Geschehene, den ganzen Weg betrachtete, habe ich gespürt, dass die Botschaft angekommen war. Ich weiß nicht, ob ich Ihre Frage befriedigend beantwortet habe. Ein Teil war geplant, aber der Großteil ist spontan geschehen. Dann hat es heute, so sagte man mir, eine Sendung gegeben, die von jemanden von euch gemacht wurde, ich weiß nicht, ob er hier ist oder nicht, TG1: es ist eine lange, lange Sendung… wer hat sie gemacht, wissen Sie es?

Greg Burke:

TG1, sie sind noch in Bangladesch.

Papst Franziskus:

Und die dann im TG4 wiederholt wurde… Ich habe sie nicht gesehen, aber einige der hier Anwesenden haben es gesehen. Ein Gedanke: Die Botschaft ist nicht nur hier angekommen. Ihr habt heute die Titelseiten der Zeitungen gesehen: Alle haben die Botschaft aufgenommen. Und ich habe keinerlei Kritik gehört. Vielleicht gibt es welche, aber ich habe sie nicht gehört.

George Abraham Kallivayalil, “Deepika Daily”:

Heiliger Vater, ich hoffe, dass ihre Asienreise, die in zwei Länder geführt hat, ein großer Erfolg war. Wir wissen, dass Sie bei dieser Gelegenheit auch gerne Indien besucht hätten. Welches war genau der Grund dafür, dass bei dieser Reise die Idee Indien fallengelassen wurde? Millionen von Menschen in Indien, einschließlich unserer Gläubigen, wünschen sich noch immer und hoffen, dass der Heilige Vater Indien im kommenden Jahr besuchen wird: Können wir Sie 2018 in Indien erwarten?

Papst Franziskus:

Ja, der erste Plan war, nach Indien und Bangladesch zu kommen; aber dann haben sich die Vorgänge in die Länge gezogen, die Zeit drängte und ich habe diese beiden Länder ausgewählt. Bangladesch ist geblieben, aber mit Myanmar. Es war providentiell, weil es einer Reise allein bedarf, um Indien zu besuchen: Man muss in den Süden, in die Mitte, in den Osten, in den Westen, in den Norden… aufgrund der verschiedenen Kulturen Indiens. Ich hoffe, dies 2018 tun zu können, wenn ich am Leben bin! Aber die Idee war Indien und Bangladesch. Dann hat uns die Zeit gezwungen, diese Wahl zu treffen. Danke!

Etienne Loraillère, Kto (Katholisches Französisches Fernsehen):

Heiligkeit, es gibt eine Frage der Gruppe der Journalisten aus Frankreich. Einige setzen interreligiösen Dialog und Evangelisierung in Gegensatz. Während dieser Reise haben Sie vom Dialog gesprochen, um den Frieden aufzubauen. Aber was hat Vorrang: evangelisieren oder für den Frieden Dialog führen? Weil evangelisieren bedeutet, Bekehrungen herbeizuführen, die Spannungen und zuweilen Konflikte unter den Glaubenden hervorrufen. Was ist also Ihre Priorität: evangelisieren oder Dialog führen?

Papst Franziskus:

Danke. Erste Unterscheidung: Evangelisieren heißt nicht Proselytismus betreiben. Die Kirche wächst nicht durch den Proselytismus, sondern durch Anziehung, also durch Zeugnis. Dies hat Papst Benedikt XVI. gesagt. Was ist die Evangelisierung? Sie bedeutet, das Evangelium zu leben und zu bezeugen, wie man das Evangelium lebt: die Seligpreisungen bezeugen, Matthäus 25 bezeugen, den Guten Samariter bezeugen, die Vergebung siebenundsiebzig mal sieben zu bezeugen. Und in diesem Zeugnis arbeitet der Heilige Geist, und es gibt Bekehrungen. Aber wir sind nicht sehr begeistert davon, sofort Bekehrungen herbeizuführen. Wenn sie kommen, warten sie: Man spricht…, eure Tradition…, man sorgt dafür, dass eine Bekehrung die Antwort auf etwas ist, das der Heilige Geist angesichts des Zeugnisses des Christen in meinem Herzen in Bewegung gesetzt hat. Bei dem Mittagessen, das ich mit den jungen Menschen beim Weltjugendtag in Krakau eingenommen habe – ungefähr fünfzehn Jugendliche aus der ganzen Welt –, hat mir einer von ihnen diese Frage gestellt: „Was muss ich einem Studienkollegen sagen, einem guten Freund, der aber Atheist ist? Was muss ich ihm sagen, um ihn zu verändern, um ihn zu bekehren?“ Die Antwort war: „Das Letzte, was du tun sollst, ist etwas zu sagen. Lebe du das Evangelium und, wenn er dich fragt, warum du dies tust, kannst du erklären, warum du das tust. Und überlasse es dem Heiligen Geist, dass er ihn anziehe“. Dies ist die Kraft und die Milde des Heiligen Geistes in den Bekehrungen. Es ist nicht ein geistiges Überzeugen mit Apologetik oder Argumentationen … Nein. Es ist der Geist, der die Bekehrung wirkt. Wir sind Zeugen des Geistes, Zeugen des Evangeliums. „Zeuge“ ist ein Wort, das auf Griechisch „Märtyrer“ heißt: das Martyrium des Alltags, das Martyrium auch des Blutes, wenn es kommt… Ihre Frage: Was hat Vorrang, der Frieden oder die Bekehrung? Also, wenn man mit Zeugnis und Respekt lebt, bringt man den Frieden voran. Der Frieden beginnt in diesem Bereich zu zerbrechen, wenn der Proselytismus anfängt, und es gibt viele Arten von Proselytismus, aber dies ist nicht gemäß dem Evangelium. Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantwortet habe.

Joshua McElwee, National Catholic Reporter:

Vielen Dank, Heiligkeit, und nun ein völliger Themenwechsel. Während des Kalten Krieges hat der heilige Papst Johannes Paul II. gesagt, dass die Weltpolitik der nuklearen Abschreckung als moralisch annehmbar zu beurteilen ist. Im vergangenen Monat haben Sie in einer Abrüstungskonferenz gesagt, dass der Besitz von Nuklearwaffen selbst zu verurteilen ist. Was hat sich in der Welt verändert, das Sie angetrieben hat, diese Änderung vorzunehmen? Welche Rolle haben die Beleidigungen und die Drohungen zwischen Präsident Trump und Kim Jong-un in Ihren Entscheidungen gespielt? Und was sagen Sie den Politikern, die auf das Kernwaffenarsenal nicht verzichten wollen und es auch nicht herunterfahren wollen?

Papst Franziskus:

Ich würde es vorziehen, dass man zunächst Fragen über die Reise stellt, das sage ich allen. Aber ich mache eine Ausnahme, weil er die Frage gestellt hat.

Was hat sich geändert? Die Irrationalität hat sich geändert. Mir kommt die Enzyklika „Laudato si‘“, die Bewahrung des Geschaffenen, der Schöpfung in den Sinn. Von dem Zeitpunkt, als der heilige Papst Johannes Paul II. dies gesagt hat, bis heute sind viele Jahre vergangen… Wie viele? Hast du das Datum?

Joshua McElwee, National Catholic Reporter:

1982.

Papst Franziskus:

34 Jahre. Bei den Kernwaffen ist man in 34 Jahren weiter, weiter und weiter gegangen. Heue sind wir an der Grenze. Man kann darüber diskutieren, es ist meine Meinung, meine überzeugte Auffassung: Ich bin davon überzeugt. Wir sind an der Grenze der Erlaubtheit, Kernwaffen zu haben und zu nutzen. Warum? Weil man heute mit dem so ausgeklügelten Kernwaffenarsenal die Zerstörung der Menschheit riskiert oder zumindest eines großen Teils der Menschheit. Deshalb verbinde ich es mit „Laudato si‘“. Was hat sich geändert? Dies. Das Wachstum der nuklearen Aufrüstung. Es hat sich auch verändert… es sind ausgeklügelte und auch grausame [Bewaffnungen], sie sind fähig, die Menschen zu zerstören, auch ohne ihre Strukturen zu berühren… Wir sind an der Grenze und, da wir an der Grenze sind, stelle ich mir diese Frage – nicht als päpstliches Lehramt, aber es ist die Frage, die sich ein Papst stellt –: Ist es heute erlaubt, die Kernwaffenarsenale beizubehalten, so wie sie sind, oder ist es heute nicht notwendig, davor zurückzukehren, um die Schöpfung, um die Menschheit zu retten? Ich komme auf eine Sache zurück, die von Guardini ist, sie ist nicht von mir. Es gibt zwei Formen von „Unkultur“: Die erste Unkultur ist diejenige, die Gott uns gegeben hat, um daraus die Kultur zu machen, durch die Arbeit, durch die Forschung und so weiter, Kultur machen. Denken wir an die medizinischen Wissenschaften, so viel Fortschritt, Kultur, an die Mechanik, an viele Dinge. Und der Mensch hat die Sendung eine Kultur zu machen ausgehend von der empfangenen Unkultur. Aber kommen wir zum Punkt, an dem der Mensch mit dieser Kultur die Fähigkeit hat, eine andere Unkultur zu machen: Denken wir an Hiroshima und Nagasaki. Und dies vor 60, 70 Jahren. Die Zerstörung. Und dies geschieht auch, wenn man die Atomenergie nicht unter Kontrolle halten kann: Denkt an die Unfälle in der Ukraine. Deshalb sage ich, auf die Waffen zurückkommend, die zum Sieg durch Zerstörung da sind, dass wir an der Grenze der Erlaubtheit sind.

Greg Burke:

Danke, Heiligkeit. Jetzt hat man mir das Zeichen gegeben, dass die Fragen über die Reise zu anderen übergeben, wenn Sie also etwas über die Reise sagen wollen…

Papst Franziskus:

Es würden mir noch einige Fragen über die Reise gefallen, weil es so aussieht, dass sie nicht so interessant gewesen ist, oder?

Delia Gallagher, CNN:

Heiligkeit, ich weiß nicht, wie weit Sie mir antworten können, aber ich bin sehr neugierig über Ihre Begegnung mit General Hein, weil ich durch meinen Aufenthalt hier viel über diese Situation gelernt habe, und ich habe verstanden, dass außer Aung San Suu Kyi es auch diesen Vertreter des Militärs gibt, der für die Krise sehr wichtig ist, den Sie persönlich getroffen haben. Welche Art von Begegnung war es und wie stellen Sie es an, mit ihm zu reden?

Papst Franziskus:

Eine raffinierte, schöne Frage. Ich würde zwischen zwei Arten von Begegnungen unterscheiden. Die Begegnungen, in denen ich die Menschen besucht habe, und die Begegnungen, in denen ich Menschen empfangen habe. Im Fall dieses Generals hat er darum gebeten zu reden: Ich habe ihn empfangen. Ich verschließe nie die Türe. Du bittest um ein Gespräch? Komm. Durch Gespräch verliert man nichts, man gewinnt immer. Es war eine schöne Unterredung. Ich kann nichts [Inhaltliches] sagen, weil sie vertraulich war, aber ich habe nicht über die Wahrheit verhandelt, das versichere ich euch. Aber ich habe es so gemacht, damit er ein bisschen versteht, dass ein Weg, so wie er in den schlimmen Zeiten war, würde er heute wieder hergerichtet, nicht zu beschreiten wäre. Es war eine schöne, gesittete Begegnung; und auch da ist die Botschaft angekommen.

Gerry O´Connell, „America magazine“:

Danke, Vater. Meine Frage ist ein wenig eine Fortführung der Frage von Delia. Sie haben Aung San Suu Kyi, den Präsidenten, die Militärs und den Mönch, der der ein bisschen Schwierigkeiten bereitet, getroffen…; und dann sind Sie nach Bangladesch weitergereist und haben auch da den Premierminister, den Präsidenten… getroffen; die muslimischen Würdenträger dort und die buddhistischen in Myanmar. Meine Frage nun: Was nehmen Sie aus all dem mit? Was ist Ihre Analyse aus all diesen Begegnungen? Welche Perspektiven für die Zukunft gibt es im Hinblick auf eine bessere Entwicklung für diese beiden Länder, besonders auch wenn man die Situation der Rohingya betrachtet?

Papst Franziskus:

Es wird nicht leicht sein, da eine konstruktive Entwicklung zu erzielen, und es wird auch nicht leicht sein für jemanden, der hinter das Erreichte zurückmöchte. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo man die Dinge genau bedenken muss. Jemand – ich weiß nicht, ob das stimmt – hat mir gesagt, dass der Rakhaing-Staat sehr reich an Bodenschätzen sei und dass es da vielleicht Interessen gäbe, dass das Land recht dünn besiedelt sei, um dort arbeiten zu können. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt, solche Hypothesen gibt es zumindest; auch bezüglich Afrika gibt es viele solche Behauptungen… Aber ich glaube, dass wir an einem Punkt angelangt sind, wo man nicht leicht weiterkommen wird, im positiven Sinn, und wo es auch nicht leicht ist, zurückzugehen, weil das Gewissen der Menschheit heute… die Tatsache, um zu den Rohingya zurückzukehren, dass die Vereinten Nationen gesagt haben, die Rohingya seien heute die weltweit am meisten verfolgte religiöse und ethnische Minderheit, das ist ein Punkt an dem kommen diejenigen, die zurückwollen nicht vorbei. Wir sind an einem Punkt, an dem man anfangen kann mit dem Dialog, schrittweise, vielleicht einen halben Schritt zurück und zwei Schritte nach vorn, aber wie man eben die menschlichen Dinge macht: mit Wohlwollen, im Dialog, nie mit Aggression, nie mit Krieg. Das ist nicht einfach. Aber es ist ein Wendepunkt: Wird es ein Wendepunkt zum Guten oder eine Wende zurück? Ja, ich verliere die Hoffnung nicht, weil, ehrlich gesagt, wenn der Herr das ermöglicht hat, was wir gestern erlebt haben und was wir auch etwas mehr im Verborgenen erlebt haben, jenseits den zwei Ansprachen (an die offiziellen Autoritäten), der Herr ermöglicht das eine, um damit weiteres zu verheißen. Ich habe die christliche Hoffnung: Man weiß nie…

Valentina Alazraki, „Televisa“:

Zur Reise wollten wir Ihnen eine Frage schon vorher stellen, was aber dann nicht ging. Wir würden gerne wissen von einem Papst, der jeden Tag von Flüchtlingen, Vertriebenen, Migranten spricht: Wollten Sie das Flüchtlingscamp der Rohingya besuchen? Und warum waren sie nicht dort?

Papst Franziskus:

Das stimmt, ich wäre gerne dorthin gegangen. Aber es ging nicht. Man hat das überlegt, aber es war nicht möglich. Aus verschiedenen Gründen, auch wegen der Zeit, auch wegen der Entfernung, aber auch aufgrund anderer Faktoren. Aber das Flüchtlingscamp ist „zu mir gekommen“, in einigen Repräsentanten. Es hätte mir gefallen, das stimmt, aber es war nicht möglich.

Enzo Romeo, Rai:

Heiligkeit, danke. Ich wollte Sie in aller Kürze zwei Dinge fragen: Eine betrifft die Globalisierung, denn wir haben gesehen, vor allem in Bangladesch – und es ist deshalb eine Frage zur Reise – das dies ein Land ist, das versucht der Armut zu entkommen, aber mit Systemen, die uns wirklich bedrückend erscheinen. Wir haben das Rana Plaza gesehen, diesen Ort, wo das Gebäude einer Textilindustrie eingestürzt ist: 1100 Tote, 5000 Verletzte, wo die Menschen für 60 Euro am Tag gearbeitet haben. In unserem Restaurant bezahlte man für einen Gang und eine Pizza 50 Euro. Das scheint unglaublich. Ist es Ihrer Meinung nach möglich, nach all dem, was Sie gesehen und wahrgenommen haben, diesem Mechanismus zu entkommen? Und die andere Sache ist, was wir alle gedacht haben: Bezüglich der Frage der Rohingya schien es, dass auch teilweise Jihadisten-Gruppierungen, al Quaida, ISIS, sich einmischen und anscheinend zu Beschützern dieses Volkes und seiner Freiheit machen wollten. E ist interessant, dass das Oberhaupt der Christenheit sich mehr als Freund erwiesen hat, in einem gewissen Sinne mehr als diese extremistischen Gruppierungen: Ist diese Wahrnehmung richtig?

Papst Franziskus:

Ich beginne mit der zweiten Frage. Es gab Terrorgruppen, die versucht haben, aus der Situation der Rohingya, die ein friedliebendes Volk sind, Kapital zu schlagen. Wie in allen Ethnien und Religionen, gibt es auch da Fundamentalisten. Auch bei uns Katholiken gibt es das. Die Militärs rechtfertigen ihren Einsatz wegen dieser Gruppen. Ich habe beschlossen, nicht mit diesen Leuten zu reden, sondern ich wollte mit den Opfern dieser Leute sprechen. Denn die Opfer waren die Rohingya, die auf der einen Seite unter der Diskriminierung litten und auf der anderen Seite von Terroristen verteidigt wurden. Aber die Armen! Die Regierung von Bangladesch betreibt gegenüber dem Terrorismus – wie mir die Minister gesagt haben – eine sehr strikte Null-Toleranz-Politik und nicht nur, was diese Situation betrifft, sondern auch um weitere solche Situationen zu verhindern. Diejenigen, die freiwillig bei ISIS angeheuert haben, auch wenn sie Rohingya sind, sind ein kleines extremistisches fundamentalistisches Grüppchen. Aber das machen die Extremisten: Sie rechtfertigen ihr Eingreifen, das Gute und Schlechte vernichtet hat.

Greg Burke:

Und die Globalisierung, die erste Frage…

Enzo Romeo, Rai:

… dass es auf Globalisierung setzt, um einen sehr hohen Preis, mit diesen für wenig Geld ausgebeuteten Menschen…

Papst Franziskus:

Das ist eines der ernstesten Probleme. Darüber habe ich bei den persönlichen Begegnungen gesprochen. Sie sind sich dessen bewusst, auch darüber, dass die Freiheit bis zu einem gewissen Punkt bedingt ist, nicht nur von den Militärs abhängig, sondern auch von den großen internationalen Trusts. Man setzt hier auf die Bildung, und ich glaube, dass dies eine weise Entscheidung war. Es gibt da Bildungspläne… Man hat mir die Zahlen der letzten Jahre gezeigt, die belegen, dass die Bildungsarmut ziemlich gesunken ist. Das ist ihr Konzept und vielleicht hat es Erfolg, denn sie sind der Überzeugung, dass die Bildung das Land nach oben bringt.

Jean-Marie Guénois, Le Figaro:

Guten Abend. Heute ist also Birma das Land, aus dem Sie kommen… Davor waren Sie in Korea, auf den Philippinen, in Sri Lanka … Man hat den Eindruck, Sie umkreisen China … Also, zwei Fragen zu China: Ist eine Reise nach China in Vorbereitung? Und die zweite Frage: Was haben Sie auf dieser Reise über die asiatische Mentalität gelernt – auch hinsichtlich des China-Projekts? Was ist Ihre Lehre daraus?

Papst Franziskus:

Bitte, wiederholen Sie noch einmal: Zu was habe ich so viele Dinge auf dieser Reise gelernt?

Jean-Marie Guénois, Le Figaro:

… für dieses China-Projekt. Was haben Sie über Asien diesmal gelernt? Weil es so aussieht, dass Sie China umkreisen, aber China ist immer noch verschlossen, für den Moment…

Papst Franziskus:

… „die Nase nach China hineinstrecken“… Heute hat die Frau Staatsberaterin von Myanmar sich an Peking gewandt: Man sieht, es gibt Gespräche… Peking hat in der Region großen Einfluss, was ja natürlich ist: Ich weiß nicht wie viele Kilometer Grenze Myanmar dort hat. Auch in den Messen waren Chinesen, die gekommen sind… Ich glaube, dass man in diesen Ländern um China herum, wie Laos oder Kambodscha, gute Beziehungen braucht, sie sind schließlich Nachbarn. Und das finde ich weise, politisch konstruktiv, wenn man so vorankommt. Aber, es ist wahr, China ist heute eine Weltmacht: Wenn wir es von dieser Seite betrachten, kann sich das Panorama ändern. Aber das mögen die Politologen erklären: Ich kann es nicht, ich weiß es nicht. Aber es scheint mir natürlich, dass sie gute Beziehungen pflegen.

Eine Chinareise ist nicht in Vorbereitung, seien Sie beruhigt, momentan läuft da keine Vorbereitung. Aber als ich von Korea zurückkehrte und man mir sagte, wir flögen jetzt über chinesisches Territorium, und wenn ich etwas sagen hätte wollen, dann hätte ich gesagt, dass ich China sehr gerne besucht hätte. Es würde mich freuen, das ist kein Geheimnis. Die Verhandlungen mit China sind kulturell auf einem hohen Niveau. Heute zum Beispiel, in diesen Tagen, gibt es eine Ausstellung der Vatikanischen Museen in China, dann wird es da eine geben – oder vielleicht war sie auch schon, ich weiß nicht – der Chinesischen Museen im Vatikan… Die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen, die Professoren, Priester, die an der staatlichen chinesischen Universität lehren, die gibt es… Das ist das eine. Dann gibt es da auch den politischen Dialog, vor allem, was die chinesische Kirche betrifft, mit dieser Geschichte der Patriotischen Kirche und der Untergrundkirche, wo man Schritt für Schritt sehr feinfühlig vorgehen muss, wie es eben gemacht wird. Langsam. Ich glaube, dass in diesen Tagen, heute oder morgen, in Peking eine Sitzung der Gemischten Kommission beginnt. Und dies mit aller Geduld. Aber die Türen des Herzens stehen offen. Und ich glaube, eine Reise nach China wäre eine gute Sache für alle. Ich würde es gerne tun…

James Longman, „Abc News“:

Ich entschuldige mich, aber ich spreche kein Italienisch. Danke für die Möglichkeit, auf Ihrem Flug mit dabei zu sein: Für mich ist es das erste Mal. Ich würde Sie gern fragen, ob Sie bemerkt haben, wieviel Kritik es für Aung San Suu Kyi gab. Und was halten Sie von der Kritik, die man Ihnen gegenüber vorgebracht hat, weil Sie sich nicht explizit zur Frage der Rohingya geäußert haben?

Papst Franziskus:

Ich habe das alles wahrgenommen, auch die Kritik, ich habe auch von der Kritik gehört, dass sie nicht in die Rakhaing-Provinz gegangen ist. Dann ist sie dorthin gegangen: Sie war dort ungefähr einen halben Tag. In Myanmar ist es schwierig, eine Kritik zu beurteilen, ohne sich zu fragen: War es überhaupt möglich, das zu tun? Oder: wie wird das möglich sein, es zu tun? Damit will ich nicht sagen, dass es kein Fehler war, nicht dorthin zu gehen; aber die politische Situation in Myanmar… Es ist eine Nation, die sich politisch im Wachstum befindet; es ist eine Nation, die sich im Übergang befindet, die viele kulturelle Werte in ihrer Geschichte aufweist, aber politisch befindet sie sich im Übergang. Und deshalb muss man die Möglichkeiten auch unter dieser Optik bewerten. Wäre es in diesem Moment des Übergangs möglich gewesen, dies oder das zu tun oder nicht zu tun? Und zu sehen, ob es ein Fehler war oder einfach nicht möglich. Nicht nur für die Frau Staatsberaterin, auch für den Präsidenten, für die Abgeordneten, für das Parlament… In Myanmar muss man immer den Aufbau des Landes vor Augen haben. Und da funktioniert es eben, wie ich zu Beginn sagte: zwei Schritte nach vorn, einen zurück, zwei nach vorn, einen zurück… das zeigt uns die Geschichte. Ich kann nicht anders antworten, bei dem wenigen, was ich von dort weiß. Und ich möchte nicht den gleichen Fehler begehen, wie ein argentinischer Philosoph, den man zu einigen Vorträgen in Asien eingeladen hatte: Als er nach einer Woche zurückkehrte, schrieb er ein Buch über dieses Land. Das ist anmaßend.

Phil Pullella, Reuters:

Ja, ich würde gerne, wenn möglich, wieder auf die Reise zu sprechen kommen. Die Begegnung mit dem General war ursprünglich, glaube ich, für Donnerstagvormittag vorgesehen, und wenn ich mich nicht täusche, mit den Generälen; Sie hätten hingegen zuerst Aung San Suu Kyi sehen sollen. Wann hat der General darum gebeten, Sie zuerst zu treffen, d.h. direkt am Tag der Ankunft. War das Ihrer Meinung nach eine Art zu sagen: „Hier habe ich das Kommando, Sie müssen mich zuerst treffen?“ Und hatten Sie in diesem Moment dort den Eindruck, dass er oder sie Sie manipulieren wollten?

Papst Franziskus:

Ich habe verstanden. Die Anfrage kam, weil er nach China musste, und wenn so etwas ist, und ich die Verabredung verschieben kann, dann tue ich das. Die Intentionen kenne ich nicht. Aber mich interessierte der Dialog. Dieser Dialog war von ihnen gewünscht und es war vorgesehen, dass sie zu mir kommen: mein Besuch war nicht vorgesehen. Und ich glaube, dass der Dialog wichtiger war als der Verdacht, dass es wirklich so gewesen wäre, wie Sie sagen: „Wir befehlen hier, wir sind die Ersten“.

Phil Pullella:

Darf ich fragen – Sie haben zwar gesagt, dass Sie nicht sagen können, was Sie in den vertraulichen Treffen gesagt haben – darf ich trotzdem fragen, ob Sie in diesem Gespräch mit dem General das Wort „Rohingya“ benutzt haben?

Papst Franziskus:

Ich habe Worte benutzt, um die Botschaft rüberzubringen, und als ich gesehen habe, dass die Botschaft akzeptiert war, habe ich es gewagt, alles zu sagen, was ich sagen wollte. Intelligenti pauca. (Ich brauche nicht deutlicher zu werden.)

Journalist:

Guten Abend, Heiligkeit. Ich habe eine Frage: Gestern, als wir mit den Priestern zusammen waren, die ihre Gelübde abgelegt haben, habe ich mich gefragt, ob die nicht Angst haben, katholische Priester zu sein in diesem Augenblick des katholischen Lebens in diesem Land, und ob sie Sie, Heiligkeit, gefragt haben, was sie tun sollen, wenn die Angst kommt und sie nicht wissen, was sie tun sollen.

Papst Franziskus:

Ich habe die Angewohnheit, immer fünf Minuten vor der Weihe mit den Kandidaten privat zu sprechen. Sie schienen mir gelassen, ruhig, bewusst, sie waren sich Ihrer Sendung bewusst, arm, normal. Eine Frage, die ich ihnen gestellt habe, war: Spielt ihr Fußball?“ – „Ja!“, alle. Das ist wichtig. Eine theologische Frage! Aber von Angst habe ich nichts gespürt. Sie wissen, dass sie ihrem Volk, nah, sehr nah sein müssen; sie fühlen, dass sie am Volk hängen müssen, und das hat mir gefallen, das hat mir wirklich gefallen. Dann habe ich mit ihren Ausbildern gesprochen, ein Bischof hat mir dabei gesagt: Vor dem Eintritt ins Seminar, besucht man ein Präseminar, wo sie viele Dinge lernen, Manieren, und auch perfekt Englisch zu sprechen. Dies, um etwas Praktisches zu sagen: Wenn sie nicht Englisch können, dann beginnen sie im Seminar damit, so dass sie nicht mit 23, 24 Jahren zum Priester geweiht werden, sondern mit 28, 29 Jahren, mehr oder weniger. Sie schauen aus wie Kinder, weil sie alle sehr jung aussehen, alle, auch die Älteren. Ich hatte den Eindruck, sie sind sich ihrer Sache sicher. Aber das hatten sie: ihrem Volk nahe sein. Das ja. Darauf halten sie etwas! Weil jeder von ihnen einer Ethnie angehört, und darauf halten sie etwas. Danke.

Ich danke euch, man sagt mir, die Zeit sei um. Ich bedanke mich für die Fragen, ich danke für alles, was ihr gemacht habt.

Und wie denkt der Papst über seine Reise? Mir tut eine Reise gut, wenn ich es schaffe, das Volk eines Landes zu treffen, das Volk Gottes. Wenn ich es schaffe, zu ihnen zu sprechen, sie zu treffen oder sie zu grüßen: Begegnungen mit den Leuten. Wir haben von den Treffen mit den Politikern gesprochen… Ja, es ist richtig, das muss man machen; mit den Priestern, mit den Bischöfen… aber mit dem Volk, dies, das Volk. Das Volk, das wirklich die Basis eines Landes ist. Das Volk. Und wenn ich es treffe, wenn ich es schaffe, es zu treffen, dann bin ich glücklich. Ich danke euch sehr für eure Hilfe: vielen Dank.

Und danke auch für die Fragen, für das, was ich aus euren Fragen gelernt habe. Danke. Ein schönes Abendessen!

Greg Burke:

Danke, Heiligkeit. Gute Erholung.

 

 


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