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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH CHILE UND PERU
(15.-22. JANUAR 2018)

BEGEGNUNG MIT PRIESTERN, ORDENSLEUTEN, GEWEIHTEN UND SEMINARISTEN

   ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Kathedrale von Santiago de Chile
Dienstag, 16. Januar 2018

[Multimedia]


 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend!

Ich freue mich über diese Begegnung mit Euch. Mir hat die Art und Weise gefallen, wie Kardinal Ezzati euch mir vorgestellt hat: Hier sind sie. Hier sind sie … gottgeweihte Frauen, gottgeweihte Männer, Priester, ständige Diakone, Seminaristen, hier sind sie. Dies hat mich an den Tag unserer Priesterweihe oder unserer Profess erinnert, als wir, nachdem wir aufgerufen wurden, gesagt haben: „Hier bin ich, Herr, um deinen Willen zu erfüllen.“ In dieser heutigen Begegnung wollen wir dem Herrn sagen: „Hier sind wir“, um unser „Ja“ zu erneuern. Gemeinsam wollen wir erneut auf den Ruf antworten, der einst unser Herz in Unruhe versetzt hat.

Dabei kann, glaube ich, hilfreich sein, von der Stelle aus dem Evangelium auszugehen, die wir gehört haben, und drei Situationen von Petrus und der ersten Gemeinde mitzuerleben: Petrus, der niedergeschlagen ist, und die Gemeinde, die niedergeschlagen ist; Petrus, der Barmherzigkeit erfährt, und die Gemeinde, die Barmherzigkeit erfährt; Petrus, der verklärt wird, und die Gemeinde, die verklärt wird. Ich benütze dieses Paar Petrus und Gemeinde, denn das Leben der Apostel hat immer diese doppelte Dimension, eine persönliche und eine gemeinschaftliche. Diese gehören zusammen; wir können sie nicht trennen. Ja, wir sind individuell gerufen, aber immer als Teil einer größeren Gruppe. Es gibt keine „Selfie“-Berufung, es gibt keine. Die Berufung erfordert, dass ein anderer dir das Foto macht, und das werden wir jetzt tun. So liegen die Dinge.

1. Petrus ist niedergeschlagen – die Gemeinde ist niedergeschlagen.

Es hat mir immer der Stil der Evangelien gefallen, die Ereignisse weder auszuschmücken noch zu vergolden oder schönzufärben. Sie zeigen uns das Leben wie es ist und nicht wie es sein sollte. Das Evangelium hat keine Angst davor, uns die schwierigen oder gar konfliktreichen Situationen zu zeigen, die die Jünger durchlebt haben.

Führen wir uns die Szene vor Augen. Sie hatten Jesus getötet; einige Frauen sagten, dass er am Leben sei (vgl. Lk 24,22-24). Obwohl die Jünger den auferstandenen Jesus gesehen hatten, war das Erlebnis so stark, dass sie einige Zeit brauchten, um zu verstehen. Lukas sagt: »Vor Freude konnten sie es immer noch nicht glauben« (vgl. Lk 24,41). Sie brauchten einige Zeit, um zu verstehen, was geschehen war. Dieses Verständnis wurde ihnen zu Pfingsten durch die Sendung des Heiligen Geistes geschenkt. Sie brauchten Zeit, um die ungeahnte Begegnung mit dem Auferstandenen in ihre Herzen aufnehmen zu können.

Die Jünger kehren in ihre Heimat zurück. Sie gehen um das zu tun, was sie können: fischen. Es waren nicht alle, nur einige. Waren sie zerstritten, gespalten? Wir wissen es nicht. Die Heilige Schrift sagt uns, dass diejenigen, die fischen gingen, nichts fingen. Ihre Netze blieben leer.

Aber auch eine andere Art von Leere bedrückte sie unbewusst: die Fassungslosigkeit und die Bestürzung über den Tod ihres Meisters. Er war nicht mehr da, er war gekreuzigt worden. Aber nicht nur er war gekreuzigt worden, sondern auch sie, denn der Tod Jesu hatte einen Sturm an inneren Kämpfen in den Herzen seiner Freunde offenbart. Petrus hatte ihn verleugnet, Judas hatte ihn verraten, die anderen waren geflohen und hatten sich versteckt. Nur eine Hand voll Frauen und der geliebte Jünger waren dageblieben. Der Rest lief davon. Innerhalb weniger Tage war alles zusammengefallen. Dies sind die Stunden der Fassungslosigkeit und der Bestürzung im Leben des Jüngers. In Zeiten, »in denen sich die Staubwolke der Verfolgungen, Drangsale, Zweifel usw. von kulturellen und geschichtlichen Ereignisses erhebt, ist es nicht einfach, den Weg zu finden, dem man folgen soll. Diese Zeiten haben ihre eigene Versuchungen: Die Versuchung, über Ideen zu diskutieren, den Aufgaben nicht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, sich zu sehr auf die Verfolger zu fixieren … Und ich glaube, die größte aller Versuchungen ist, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufzuhalten«[1]. Ja, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufhalten. Und eben das ist den Jüngern passiert.

Wie Kardinal Ezzati gesagt hat, hat »das priesterliche und gottgeweihte Leben in Chile schwierige Stunden der Unruhe und großer Herausforderungen erlitten. Neben der Treue der großen Mehrheit ist auch das Unkraut des Bösen und als dessen Folge Skandale und Glaubensabfall angewachsen.«

Ein Zustand der Unruhe. Ich kenne den Schmerz, den die Missbrauchsfälle an Minderjährigen bedeutet haben und ich verfolge mit Interesse, was Ihr tut, um dieses schwere und schmerzhafte Übel zu überwinden. Schmerz wegen des Schadens und des Leidens der Opfer und ihrer Familien, die in ihrem Vertrauen betrogen worden sind, das sie in die Diener der Kirche gesetzt hatten. Schmerz wegen des Leidens der kirchlichen Gemeinschaften, aber auch Schmerz für euch, Brüder, die ihr neben den Strapazen eures aufopfernden Dienstes den Schaden durch Misstrauen und Infragestellung erlitten habt, der bei einigen oder gar vielen zu Zweifeln, Angst oder einem Mangel an Vertrauen geführt hat. Ich weiß, dass ihr manchmal in der U-Bahn oder auf der Straße beschimpft worden seid und dass ihr an vielen Orten einen hohen Preis zahlen müsst, wenn ihr Priesterkleidung tragt. Aus diesem Grund schlage ich vor, dass wir Gott um die klare Einsicht bitten, die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft, um Vergebung zu bitten, und um die Fähigkeit zu lernen, auf das zu hören, was Er uns sagt, und nicht über die Hoffnungslosigkeit nachzugrübeln.

Ich möchte auch gerne einen anderen wichtigen Aspekt nennen. Unsere Gesellschaften verändern sich. Das heutige Chile ist sehr verschieden von dem, das ich in meiner Jugend kannte, als ich studierte. Neue und unterschiedliche kulturelle Formen entstehen, die sich nicht an unsere gewohnten Modelle anpassen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir oft nicht wissen, mit diesen neuen Situationen umzugehen. Manchmal träumen wir von den „Fleischtöpfen Ägyptens“ und vergessen, dass das Gelobte Land vor uns liegt, nicht hinter uns. Die Verheißung ist von gestern, aber für morgen. Wir könnten also versucht sein, uns einzuschließen und uns zu isolieren um unsere Ansichten zu verteidigen, die am Ende nur noch nette Monologe sind. Wir könnten versucht sein zu denken, dass alles schlecht ist; und anstatt eine „Gute Nachricht“ zu bezeugen, ist das einzige, das wir bezeugen, Teilnahmslosigkeit und Enttäuschung. So verschließen wir unsere Augen vor den pastoralen Herausforderungen und glauben, dass der Geist uns nichts dazu zu sagen hat. So vergessen wir, dass das Evangelium ein Weg der Umkehr ist, nicht nur für „die anderen“, sondern auch für uns selbst.

Wir sind, ob es uns gefällt oder nicht, dazu aufgerufen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Unsere persönliche Realität, die der Gemeinschaft und der Gesellschaft. Die Netze – sagen die Jünger – sind leer, und wir können die Gefühle verstehen, die das hervorruft. Sie kehren heim, ohne von großen Abenteuern erzählen zu können; sie kehren heim mit leeren Händen; sie kehren niedergeschlagen heim.

Was war aus den starken, lebhaften und sympathischen Jüngern geworden, die sich auserwählt fühlten und alles verlassen hatten, um Jesus zu folgen (vgl. Mk 1,16-20)? Was war aus diesen Jüngern geworden, die sich ihrer so sicher waren, dass sie für ihren Meister ins Gefängnis gehen und das Leben geben wollten (vgl. Lk 22,33), dass sie Feuer auf die Erden senden wollten, um ihn zu verteidigen (vgl. Lk 9,54); für den sie das Schwert zücken und kämpfen wollten (vgl. Lk 22,49-51)? Was war aus Petrus geworden, der seinem Meister Vorwürfe machte und ihn belehrte, wie er in Zukunft sein Leben führen und seinen Erlösungsplan umsetzen sollte (vgl. Mk 8,31-33)? Die Hoffnungslosigkeit.

2. Petrus erfährt Barmherzigkeit – die Gemeinde erfährt Barmherzigkeit.

Es ist die Stunde der Wahrheit im Leben der ersten Gemeinde. Es ist die Stunde, in der Petrus mit einer seiner Seiten konfrontiert wurde. Mit der Seite seiner Wahrheit, die er oft nicht sehen wollte. Er machte die Erfahrung seiner Begrenztheit, seiner Schwäche, seines Sündigseins. Der temperamentvolle Petrus, der impulsive Führer und Retter,mit einem guten Anteil an Selbstgenügsamkeit und übergroßen Vertrauen in sich selbst und in seine Fähigkeiten musste seiner Schwäche und Sünde erliegen. Er war ein Sünder so wie die anderen, so hilflos und schwach wie die anderen. Petrus hatte die im Stich gelassen, die er zu leiten geschworen hatte. Das war die entscheidende Stunde in Petrus Leben.

Als Jüngern, als Kirche, kann uns dasselbe passieren: es gibt Momente, in denen wir nicht unserem Ruhm, sondern unserer Schwäche ins Gesicht sehen. Es sind entscheidende Stunden im Leben der Jünger, doch in dieser Stunde wird ein Apostel geboren. Lassen wir uns durch den Text leiten.

»Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?« (Joh 21,15).

Nach dem Mahl nimmt Jesus Petrus beiseite. Seine einzigen Worte sind eine Frage, eine Frage der Liebe: Liebst du mich? Jesus tadelt nicht und verurteilt nicht. Sein einziger Wunsch ist es, Petrus retten. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, in seiner Sünde eingeschlossen zu bleiben und auf der Verzweiflung aufgrund seiner Schwäche „herumzukauen“. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, wegen seiner Schwächen all das Gute aufzugeben, das er in seinem Leben mit Jesus erfahren hatte. Jesus möchte ihn aus Selbstbezogenheit und Isolation retten. Er möchte ihn vor der zerstörerischen Einstellung retten, sich selbst zu einem Opfer zu machen oder, im Gegenteil, in die Haltung von „was macht es schon aus“ zu verfallen und jegliche Pflicht in der Haltung von schlimmstem Relativismus vernachlässigt. Jesus will ihn davor retten, jeden, der sich ihm entgegenstellt, als Feind zu betrachtet und ihm helfen, Widerspruch und Kritik gelassen anzunehmen. Er will ihn von Traurigkeit und besonders von schlechter Laune befreien. Mit dieser Frage lädt Jesus Petrus ein, auf sein Herz zu hören und unterscheiden zu lernen. Denn »es war nicht die Art Gottes, die Wahrheit auf Kosten der Liebe zu verteidigen, noch die Liebe auf Kosten der Wahrheit, noch die Ausgewogenheit auf Kosten beider.« Man muss unterscheiden. »Jesus möchte vermeiden, dass Petrus jemand wird, der durch Wahrheit verletzt oder mit einer falschen Liebe lügt oder durch Verwirrung gelähmt ist«,[2] wie es uns in diesen Situationen geschehen kann.

Jesus fragte Petrus nach seiner Liebe und fragt ihn so lange, bis dieser eine realistische Antwort geben konnte: »Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe« (Joh 21,17). So bestätigte Jesus ihn in seinem Auftrag. So macht er ihn endgültig zu seinem Apostel.

Was stärkt Petrus in seinem Dienst als Apostel? Was erhält uns in unserem Apostelsein? Nur das: dass wir »Erbarmen gefunden« haben. Wir haben »Erbarmen gefunden« (vgl. 1 Tim 1,12-16). »Bei all unseren Sünden, unseren Grenzen, unserem Versagen und unserem häufigen Fallen hat Jesus uns angeblickt, war uns nahe, hat uns seine Hand gegeben und uns mit Barmherzigkeit behandelt. Jeder von uns kann zurückdenken und sich an die vielen Male erinnern, wo der Herr ihn angeblickt hat, ihm nahe war und ihm Barmherzigkeit gezeigt hat.«[3] Ich lade euch ein, das zu tun. Wir sind nicht hier, weil wir besser sind als andere; wir sind keine Superhelden, die sich von den Höhen herabbeugen, um den „einfachen Sterblichen“ zu begegnen. Sondern wir sind als Männer und Frauen gesandt, die sich bewusst sind, dass ihnen vergeben worden ist. Das ist die Quelle unserer Freude. Wir sind Gottgeweihte, Hirten nach dem Bilde Jesu, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. Ein Gottgeweihter – und wenn ich Gottgeweihter sage, meine ich alle, die hier sind – ist derjenige, der in seinen Wunden den Zeichen der Auferstehung begegnet. Er kann in den Wunden der Welt die Kraft der Auferstehung sehen. Nach dem Vorbild Jesu begegnet er seinen Brüdern und Schwestern nicht mit Vorwurf und Verurteilung.

Jesus Christ zeigt sich den Seinen nicht ohne Wunden; gerade auf Grund seiner Wunden kann Thomas den Glauben bekennen. Wir sind eingeladen, unsere Wunden nicht zu verbergen und nicht zu verstecken. Eine verwundete Kirche kann die Wunden der Welt von heute verstehen und sich diese zu eigen machen, sie erleiden, begleiten und zu heilen versuchen. Eine Kirche mit Wunden stellt sich nicht in den Mittelpunkt, glaubt nicht, perfekt zu sein; sie stellt den in den Mittelpunkt, der allein ihre Wunden heilen kann und der da heißt: Jesus Christus.

Das Bewusstsein, das wir verwundet sind, macht uns frei; ja, es befreit uns davon selbstbezogen zu sein und uns besser als andere zu fühlen. Es befreit uns von der prometheischen Tendenz »derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind«[4].

In Jesus sind unsere Wunden auferstanden. Sie machen uns solidarisch; sie helfen, unsere Mauern niederzureißen, die uns in unserem Elitedenken einschließen, und bringen uns dazu, Brücken zu bauen und uns aufzumachen zu den Vielen, die sich nach der barmherzigen Liebe sehnen, die nur Christus geben kann. »Wie oft erträumen wir peinlich genaue und gut entworfene apostolische Expansionsprojekte, typisch für besiegte Generäle! So verleugnen wir unsere Kirchengeschichte, die ruhmreich ist, insofern sie eine Geschichte der Opfer, der Hoffnung, des täglichen Ringens, des im Dienst aufgeriebenen Lebens, der Beständigkeit in mühevoller Arbeit ist, denn jede Arbeit geschieht „im Schweiß unseres Angesichts“.«[5] Ich bin etwas besorgt, wenn ich Gemeinschaften sehe, die mehr von der Unruhe getrieben sind, groß herauszukommen, Raum einzunehmen, in Erscheinung zu treten und sich zu zeigen, als sich die Ärmel hochzukrempeln und hinauszugehen, um mit dem Leid unseres gläubigen Volkes in Berührung zu kommen.

Uns fordert die Überlegung jenes chilenischen Heiligen heraus, der sagte: »Es sind all das falsche Methoden, die um der Uniformität willen auferlegt werden; all jene, die uns scheinbar auf Gott ausrichten, aber unsere Brüder und Schwestern vergessen; all jene, die uns die Augen vor dem Universum verschließen lassen, anstatt uns zu lehren, alles zum Schöpfer des ganzen Seins zu erheben; alle, die uns egoistisch machen und uns auf uns selbst zurückfallen lassen.«[6]

Das Volk Gottes erwartet und braucht keine Superhelden, es hofft auf Hirten und gottgeweihte Männer und Frauen, die Mitleid haben, die zu helfen wissen, die sich Zeit nehmen für diejenigen, die gefallen sind, und die wie Jesus helfen, aus dem Kreislauf des „Herumkauens“ über die Verzweiflung auszubrechen, der ihre Seele vergiftet.

3. Petrus wird verklärt – die Gemeinde wird verklärt.

Jesus ruft Petrus zur Unterscheidung auf und so erhalten viele Ereignisse im Leben des Petrus, wie die prophetische Geste der Fußwaschung, einen Sinn. Petrus, der sich geweigert hatte, sich die Füße waschen zu lassen, beginnt zu begreifen, dass wahre Größe aus dem sich Erniedrigen und Dienen stammt[7].

Was für eine Pädagogik unseres Herrn! Die prophetische Geste Jesu weist auf die prophetische Kirche hin, die, selber von ihren Sünden reingewaschen, keine Angst hat hinauszugehen, um einer verwundeten Menschheit zu dienen.

Petrus hat in seinem Fleisch nicht nur die Verwundung der Sünde, sondern auch die eigenen Grenzen und Schwächen erfahren. Aber er hat durch Jesus begriffen, dass seine Wunden ein Weg zur Auferstehung sein können. Mit Blick auf den niedergeschlagenen und den verwandelten Petrus sind wir eingeladen, uns von einer niedergeschlagenen und hoffnungslosen Kirche in eine Kirche zu wandeln, die Dienerin der vielen Niedergeschlagenen ist, die Seite an Seite mit uns leben. Eine Kirche, die fähig ist, ihrem Herrn im Hungernden, im Gefangenen, im Dürstenden, im Heimatlosen, im Nackten, im Kranken zu dienen … (Mt 25,35). Ein Dienst, der nichts mit Wohlfahrtsmentalität oder Bevormundung zu tun hat, sondern mit der Bekehrung des Herzens. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, dem Armen Essen zu geben, den Nackten zu bekleiden, den Kranken zu begleiten, sondern sich bewusst zu machen, dass der Arme, der Nackte, der Gefangene, der Obdachlose die Würde besitzt, mit uns an unserem Tisch zu sitzen, sich bei uns „zu Hause“, als Teil der Familie zu fühlen. Das ist das Zeichen, dass das Himmelreich unter uns ist. Es ist das Zeichen für eine Kirche, die durch die Sünde verwundet vom Herrn Barmherzigkeit erfahren hat und durch den Ruf des Herrn in eine prophetische Kirche verwandelt worden ist.

Die Prophetie zu erneuern bedeutet unsere Verpflichtung zu erneuern, nicht auf die ideale Welt, die ideale Gemeinschaft oder den idealen Jünger zu warten, um zu leben oder zu evangelisieren, sondern Bedingungen zu schaffen, damit jede niedergeschlagene Person Jesus begegnen kann. Man liebt weder die ideale Situation noch ideale Gemeinschaften, sondern Menschen.

Die aufrichtige, schmerzhafte und betende Anerkennung unserer Grenzen ist weit davon, uns von Jesus zu trennen; sie hilft uns vielmehr, zu Jesus zurückzukehren und zu wissen: »Er kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie … Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf.«[8] Wie gut tut es uns, unser Herz von Jesus erneuern zu lassen.

Zu Beginn unserer Begegnung habe ich gesagt, dass wir gekommen sind, um unser „Ja“ mit Begeisterung, mit Leidenschaft zu erneuern. Wir wollen unser „Ja“ erneuern, aber mit Realismus, denn es stützt sich auf den Blick Jesu. Wenn ihr nach Hause geht, nehmt in eurem Herzen eine Art von geistlichem Testament im Stil Kardinal Raúl Silva Henríquez mit. Er sagt in diesem schönen Gebet am Beginn:

»Die Kirche, die ich liebe, ist die heilige Kirche aller Tage  … deine, meine, die heilige Kirche aller Tage …

… Jesus Christ, das Evangelium, das Brot, die Eucharistie, der Leib des demütigen Christus, jeden Tag. Mit den Gesichtern der Armen und den Gesichtern der Männer und Frauen, die singen, kämpfen, leiden. Die heilige Kirche aller Tage.«

Ich frage dich: Wie ist die Kirche, die du liebst? Liebst du diese verwundete Kirche, die dem Leben in den Wunden Jesu begegnet?

Danke für diese Begegnung. Danke für die Gelegenheit, das „Ja“ mit euch zu erneuern. Möge Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel uns mit ihrem Mantel umgeben.

Bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

 

 


[1] Jorge M. Bergoglio, Einführung in: Lorenzo Ricci y Juan Rothaan, Las Cartas de la tribulación. Ed. Diego de Torres, Buenos Aires, 1987. S. 9

[2] Ebd.

[3] Videobotschaft an die CELAM aus Anlass der Feier des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit auf dem amerikanischen Kontinent, 27. August 2016.

[4] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 94.

[5] Ebd., 96.

[6] Hl. Alberto Hurtado, Ansprache an die Jugendlichen der Katholischen Aktion, 1943.

[7] »Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein« (Mk 9,35).

[8] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 11.

 



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