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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH KASACHSTAN 
(13.-15. SEPTEMBER 2022)

HEILIGE MESSE

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS 

Expo-Platz (Nur-Sultan)
Mittwoch, 14. September 2022

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Das Kreuz ist ein Todeswerkzeug, und doch feiern wir an diesem Festtag die Erhöhung des Kreuzes Christi. Denn an diesem Holz hat Jesus unsere Sünde und das Böse der Welt auf sich genommen und sie mit seiner Liebe besiegt. Deshalb feiern wir das Heilige Kreuz. Das Wort Gottes, das wir gehört haben, erzählt uns davon, indem es einerseits die Schlangen, die beißen, und andererseits die Schlange, die rettet, gegenüberstellt. Lasst uns bei diesen beiden Bildern innehalten.

Erstens: die beißenden Schlangen. Sie greifen das Volk an, das zum x-ten Mal in die Sünde des Murrens verfallen ist. Gegen Gott zu murren bedeutet nicht nur, schlecht über ihn zu reden und sich über ihn zu beklagen; es bedeutet eigentlich, dass im Herzen der Israeliten das Vertrauen in ihn, in seine Verheißung, verschwunden ist. Das Volk Gottes wandert nämlich in der Wüste auf das verheißene Land zu, es ist ermüdet und von der Reise erschöpft (vgl. Num 21,4). So verliert es den Mut, es verliert die Hoffnung, und irgendwann ist es, als ob es die Verheißung des Herrn vergessen würde. Diese Menschen haben nicht mehr die Kraft daran zu glauben, dass er sie in ein reiches und fruchtbares Land führt.

Es ist kein Zufall, dass die Menschen in dem Moment, in dem ihr Vertrauen in Gott schwindet, von tödlichen Schlangen gebissen werden. Sie erinnern an die erste Schlange, die in der Bibel im Buch Genesis erwähnt wird, den Versucher, der das Herz des Menschen vergiftet, um ihn an Gott zweifeln zu lassen. Tatsächlich verführt der Teufel eben in Gestalt einer Schlange Adam und Eva und sät in ihnen Misstrauen, indem er sie davon überzeugt, dass Gott nicht gut ist, sondern dass er neidisch auf ihre Freiheit und ihr Glück ist. Und nun, in der Wüste, kehren die Schlangen zurück, »Feuerschlangen« (V. 6); das heißt, die Ursünde kehrt zurück: Die Israeliten zweifeln an Gott, sie vertrauen ihm nicht, sie murren, sie rebellieren gegen den, der ihnen das Leben geschenkt hat, und so gehen sie dem Tod entgegen. Dazu führt also das Misstrauen im Herzen!

Liebe Brüder und Schwestern, dieser erste Teil der Geschichte fordert uns auf, die Momente in unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Geschichte genauer zu betrachten, in denen das Vertrauen in den Herrn und in die anderen geschwunden ist. Wie oft sind wir entmutigt und unduldsam in unseren Wüsten vertrocknet und haben das Ziel des Weges aus den Augen verloren! Auch in diesem großen Land gibt es eine Wüste, eine herrliche Landschaft, die uns aber zugleich von der Mühsal und Trockenheit spricht, die wir manchmal in unseren Herzen tragen. Das sind die Momente der Müdigkeit und der Prüfung, in denen wir nicht mehr die Kraft haben, aufzublicken zu Gott; das sind die Situationen des persönlichen, kirchlichen und sozialen Lebens, in denen wir von der Schlange des Misstrauens gebissen werden, die uns das Gift der Enttäuschung und der Verzweiflung, des Pessimismus und der Resignation einflößt, uns in unser eigenes Ich einschließt und den Enthusiasmus erstickt.

Doch in der Geschichte dieses Landes gab es auch andere schmerzhafte Bisse. Ich denke an die Feuerschlangen der Gewalt, der atheistischen Verfolgung, der religiösen Unterdrückung, ich denke an einen manchmal mühseligen Weg, auf dem die Freiheit der Menschen bedroht und ihre Würde verletzt wurde. Es tut uns gut, die Erinnerung an das Erlittene zu bewahren. Bestimmte dunkle Begebenheiten streichen wir besser nicht aus unserem Gedächtnis, sonst könnten wir auf den Gedanken kommen, dass sie Schnee von gestern sind und dass der Weg des Guten ein für alle Mal vorgezeichnet ist. Nein, der Frieden ist nicht ein für alle Mal gewonnen, er muss jeden Tag neu errungen werden, ebenso wie das Zusammenleben verschiedener Ethnien und religiöser Traditionen, eine ganzheitliche Entwicklung und soziale Gerechtigkeit. Und damit Kasachstan noch mehr »in der Brüderlichkeit, im Dialog und in der Verständigung« wächst, »die unerlässliche Voraussetzungen sind, um „Brücken“ der solidarischen Zusammenarbeit mit den anderen Völkern, Nationen und Kulturen zu bauen« (Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, 22. September 2001), ist das Engagement aller nötig. Zuallererst jedoch ist ein erneuter Akt des Glaubens an den Herrn notwendig: nach oben zu blicken, auf ihn zu schauen, von seiner universalen Liebe zu lernen, von seiner Hingabe am Kreuz.

Damit kommen wir zum zweiten Bild: die Schlange, die rettet. Als das Volk durch die Feuerschlangen stirbt, hört Gott auf die Fürsprache des Mose und sagt zu ihm: »Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht« (Num 21,8). Und tatsächlich: »Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben« (V. 9). Wir könnten uns jedoch fragen: Warum hat Gott, anstatt Mose diese aufwändigen Anweisungen zu geben, die Giftschlangen nicht einfach vernichtet? Diese Art des Handelns offenbart uns sein Handeln gegenüber dem Bösen, der Sünde und dem Misstrauen der Menschen. Damals wie heute, im großen geistlichen Kampf, der die Geschichte bis zum Ende durchzieht, vernichtet Gott nicht die Niedertracht, der der Mensch aus freien Stücken anhängt: Die Giftschlangen verschwinden nicht, sie sind immer noch da, sie liegen auf der Lauer, sie können immer zubeißen. Was hat sich also geändert, was tut Gott?

Jesus erklärt es im Evangelium: »Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat« (Joh 3,14-15). Das also ist der Wendepunkt: Die Schlange, die rettet, ist zu uns gekommen, Jesus, der am Pfahl des Kreuzes erhöht, nicht zulässt, dass uns die giftigen Schlangen, die uns angreifen, in den Tod führen. Unserer Niedertracht begegnet Gott dadurch, dass er uns eine neue Hoheit verleiht. Wenn wir unseren Blick auf Jesus richten, können uns die Bisse des Bösen nichts mehr anhaben, denn er hat am Kreuz das Gift der Sünde und des Todes auf sich genommen und dessen zerstörerische Macht besiegt. Das ist es, was der Vater angesichts der Ausbreitung des Bösen in der Welt getan hat; er hat uns Jesus geschenkt, der uns auf eine Weise seine Nähe geschenkt hat, die wir uns nie hätten vorstellen können: »Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden« (2 Kor 5,21). Das ist die unendliche Größe der göttlichen Barmherzigkeit: Jesus, der sich für uns „zur Sünde gemacht hat“, Jesus, der sich am Kreuz – so könnten wir sagen – „zur Schlange gemacht hat“, damit wir, wenn wir auf ihn schauen, den giftigen Bissen der bösen Schlangen widerstehen können, die uns angreifen.

Brüder und Schwestern, das ist der Weg, der einzige Weg unserer Erlösung, unserer Wiedergeburt und Auferstehung: auf den gekreuzigten Jesus zu schauen. Von jener Höhe aus können wir unser Leben und die Geschichte unserer Völker auf eine neue Weise sehen. Denn vom Kreuz Christi lernen wir Liebe, nicht Hass; lernen wir Mitgefühl, nicht Gleichgültigkeit; lernen wir Vergebung, nicht Rache. Die ausgebreiteten Arme Jesu sind die zärtliche Umarmung, mit der Gott unser Leben annehmen will. Und sie zeigen uns die Geschwisterlichkeit, die wir untereinander leben sollen. Sie zeigen uns den Weg, den christlichen Weg: nicht den Weg des Auferlegens und des Zwangs, der Macht und der Bedeutsamkeit, und niemals den Weg, der das Kreuz Christi gegen die anderen Brüder und Schwestern benützt, für die er sein Leben hingegeben hat! Jesu Weg, der Weg des Heils, ist ein anderer: Es ist der Weg der demütigen, ungeschuldeten und allumfassenden Liebe, ohne „wenn“ und „aber“.

Ja, denn am Holz des Kreuzes hat Christus der Schlange des Bösen das Gift entzogen, und Christsein bedeutet, ohne Gift zu leben: sich nicht gegenseitig zu beißen, nicht zu murren, nicht anzuklagen, nicht zu tratschen, keine bösen Werke zu verbreiten, die Welt nicht mit Sünde und mit dem Misstrauen zu verschmutzen, das vom Bösen kommt. Brüder und Schwestern, wir sind aus der offenen Seite Jesu am Kreuz wiedergeboren. Kein Gift des Verderbens sei in uns (vgl. Weish 1,14). Beten wir stattdessen, dass wir durch Gottes Gnade immer mehr zu Christen werden: zu freudigen Zeugen des neuen Lebens, der Liebe und des Friedens.

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DANK

am Ende der Hl. Messe

Danke, lieber Erzbischof Peta, für Ihre Worte, danke für all Ihre Bemühungen bei der Vorbereitung dieser Feier und meines Besuchs. In diesem Zusammenhang möchte ich den zivilen und religiösen Autoritäten des Landes meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich grüße euch alle, liebe Brüder und Schwestern, insbesondere diejenigen, die aus anderen Ländern Zentralasiens und aus weit entfernten Teilen dieses unermesslich großen Gebietes gekommen sind. Ich segne von Herzen die Alten und die Kranken, die Kinder und die Jugendlichen.

Heute, am Fest der Kreuzerhöhung, wollen wir uns im Geiste mit dem Nationalheiligtum der Königin des Friedens in Oziornoje vereinen. Erzbischof Tomash hat daran erinnert, dass dort ein großes Kreuz steht, auf dem unter anderem zu lesen ist: „Dankbarkeit dem Volk von Kasachstan“ und „Friede den Menschen“. Die Dankbarkeit gegenüber dem Herrn für das heilige Volk Gottes, das in diesem großen Land lebt, verbindet sich mit der Dankbarkeit für sein Engagement zur Förderung des Dialogs und wird schließlich zu einem Ruf nach Frieden, nach dem unsere Welt dürstet.

Ich denke an die vielen so schwer vom Krieg gezeichneten Orte, vor allem an die geliebte Ukraine. Wir dürfen uns nicht an den Krieg gewöhnen, wir dürfen uns nicht mit seiner Unvermeidlichkeit abfinden. Lasst uns denen helfen, die leiden, und lasst uns darauf bestehen, dass wirklich versucht wird, Frieden zu schaffen. Was muss noch geschehen, wie viele Tote muss es erst noch geben, bevor die Konflikte dem Dialog zum Wohle der Menschen, der Völker und der Menschheit weichen? Der einzige Ausweg ist der Frieden, und der einzige Weg dorthin ist der Dialog. Mit Besorgnis habe ich vernommen, dass es in den letzten Stunden zu neuen Spannungen in der Kaukasusregion gekommen ist. Beten wir weiterhin dafür, dass sich auch in diesen Gebieten friedliche Konfliktlösungen und Verständigung durchsetzen werden. Die Welt möge lernen, Frieden zu schaffen, unter anderem dadurch, dass sie das Wettrüsten einschränkt und die enormen Kriegsausgaben in konkrete Unterstützungsleistungen für die Völker umwandelt. Danke an alle, die daran glauben, danke an euch und an alle, die Boten des Friedens und der Einheit sind!

 

 



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