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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
ZUR ABSCHLUSSMESSE DES
52. EUCHARISTISCHEN WELTKONGRESSES IN BUDAPEST UND IN DIE SLOWAKEI
(12.-15. SEPTEMBER 2021)

ÖKUMENISCHE BEGEGNUNG

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS 

Apostolische Nuntiatur (Bratislava)
Sonntag, 12. September 2021

[Multimedia]

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Liebe Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Slowakischen Republik,

ich grüße euch herzlich und danke euch, dass ihr die Einladung angenommen habt und mir entgegengekommen seid. Ich bin hier als Pilger in der Slowakei und ihr als geschätzte Gäste in der Nuntiatur! Ich freue mich, dass diese Begegnung mit euch am Beginn meines hiesigen Aufenthalts steht. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der christliche Glaube in diesem Land eine Keimzelle der Einheit und ein Sauerteig der Geschwisterlichkeit ist – und sein will. Danke, Eure Seligkeit, verehrter Bruder Rastislav, für Ihre Anwesenheit; danke, lieber Bischof Ivan, Präsident des Ökumenischen Rates, für die Worte, die Sie an mich gerichtet haben und die die Entschlossenheit zu einem gemeinsamen Weg bezeugen, um vom Konflikt zur Gemeinschaft zu gelangen.

Der Weg eurer Gemeinschaften hat nach den Jahren der atheistischen Verfolgung, in denen die Religionsfreiheit verhindert oder auf eine harte Probe gestellt wurde, wieder Fahrt aufgenommen. Endlich gab es Religionsfreiheit. Und nun geht ihr ein Stück des Weges gemeinsam, wobei ihr erfahrt, wie schön, aber auch wie schwierig es ist, den Glauben als freie Menschen zu leben. Es besteht in der Tat die Versuchung, wieder zu Sklaven zu werden, nicht eines Regimes, sondern einer noch schlimmeren Sklaverei, nämlich der inneren.

Davor warnte Dostojewski in der berühmten Erzählung Der Großinquisitor. Jesus ist auf die Erde zurückgekehrt und wird gefangengenommen. Der Inquisitor geht ihn mit harten Wort an. Er wirft ihm vor, der menschlichen Freiheit zu viel Bedeutung beigemessen zu haben. Er sagt zu ihm: »Du willst in die Welt gehen, und du gehst mit leeren Händen dorthin, mit der Verheißung einer Freiheit, die die Menschen in ihrer Einfalt und ihrer angeborenen Verwirrtheit nicht einmal begreifen können, die sie in Angst und Schrecken versetzt, weil für den Menschen nichts jemals unerträglicher war als die Freiheit!“« (Die Brüder Karamasow). Und er geht noch weiter und fügt hinzu, dass die Menschen gerne bereit sind, ihre Freiheit gegen eine bequemere Form der Sklaverei einzutauschen, nämlich die, sich jemandem zu unterwerfen, der für einen entscheidet, nur um Brot und Sicherheit zu haben. Und so wirft er Jesus schließlich vor, dass er nicht Kaiser werden wollte, wodurch er das Gewissen der Menschen beugen und mit Gewalt Frieden hätte stiften können. Stattdessen hielt er lieber an der Freiheit des Menschen fest, während die Menschheit „Brot und kaum etwas Anderes“ verlangt.

Liebe Brüder und Schwestern, das möge uns nicht passieren; stehen wir einander bei, damit wir nicht in diese Falle tappen und uns mit Brot und kaum etwas Anderem begnügen. Denn dieses Risiko entsteht, wenn die Lage sich normalisiert, wenn wir uns eingerichtet haben und uns damit zufriedengeben ein ungestörtes Leben zu führen. Dann geht es uns nicht mehr um die »Freiheit, die wir in Christus Jesus haben« (Gal 2,4), um seine Wahrheit, die uns befreit (vgl. Joh 8,32), sondern darum, Raum und Rechte zu erlangen. Und das ist nach dem Evangelium „Brot und kaum etwas Anderes“. Hier, im Herzen Europas, stellt sich die Frage: Haben wir Christen nicht ein wenig den Eifer der Verkündigung und die prophetische Kraft des Zeugnisses verloren? Ist es die Wahrheit des Evangeliums, die uns befreit, oder fühlen wir uns frei, wenn wir Komfortzonen einrichten, die es uns erlauben, uns selbst zu verwalten und ohne besondere Rückschläge einfach ruhig weiterzumachen? Und haben wir, wenn wir uns mit Brot und einigen Sicherheiten begnügen, nicht vielleicht den Schwung bei der Suche nach der von Jesus beschworenen Einheit verloren, einer Einheit, die gewiss die reife Freiheit starker Entscheidungen, Verzicht und Opfer erfordert, aber Voraussetzung dafür ist, dass die Welt glaube? (vgl. Joh 17,21). Wir sollten uns nicht nur für das interessieren, was für unsere einzelnen Gemeinschaften nützlich erscheint. Die Freiheit unseres Bruders und unserer Schwester ist auch unsere Freiheit, denn ohne ihn oder sie ist unsere Freiheit nicht vollständig.

Hier begann die Evangelisierung auf brüderliche Weise und sie trug das Siegel der heiligen Brüder Kyrill und Methodius aus Thessaloniki. Mögen sie, als Zeugen eines noch geeinten und vom Eifer der Verkündigung entflammten Christentums, uns helfen, den Weg weiterzugehen und miteinander im Namen Jesu geschwisterliche Gemeinschaft zu pflegen. Wie können wir sonst auf ein Europa hoffen, das seine christlichen Wurzeln wiederentdeckt, wenn wir die ersten sind, welche die ursprüngliche volle Gemeinschaft vermissen lassen? Wie können wir von einem ideologiefreien Europa träumen, wenn wir nicht die Freiheit haben, die Freiheit Jesu über die Bedürfnisse einzelner Gruppen von Gläubigen zu stellen? Es ist schwierig, ein mehr vom Evangelium befruchtetes Europa zu fordern, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass wir auf dem Kontinent noch immer untereinander gespalten sind und uns nicht umeinander kümmern. Zweckmäßigkeitskalküle, historische Gründe und politische Bindungen dürfen keine unüberwindbaren Hindernisse auf unserem Weg sein. Die heiligen Kyrill und Methodius, diese »Wegbereiter der Ökumene« (Johannes Paul II., Enzyklika Slavorum Apostoli, 14), mögen uns helfen, nach einer im Heiligen Geist versöhnten Verschiedenheit zu streben; nach einer Einheit, die, ohne Uniformität zu sein, Zeichen und Zeugnis der Freiheit Christi ist, unseres Herrn, der die Fesseln der Vergangenheit löst und uns von unseren Ängsten und Zögerlichkeiten heilt.

Zu ihrer Zeit ermöglichten Kyrill und Methodius, dass das göttliche Wort sich in dieser Gegend hier inkarnierte (vgl. Joh 1,14). In diesem Sinne möchte ich euch zwei Vorschläge unterbreiten, brüderliche Ratschläge, um das Evangelium der Freiheit und der Einheit heute zu verkünden. Der erste Rat, der erste Vorschlag, betrifft die Kontemplation. Ein besonderes Merkmal der slawischen Völker, das ihr gemeinsam zu bewahren habt, ist der kontemplative Zug, der von einem erfahrungsbezogenen Glauben ausgeht, der offen ist für das Geheimnis und über die philosophische und auch theologische Begriffsfassung hinausgeht. Helft einander, diese geistliche Tradition zu pflegen, die Europa so sehr braucht. Gerade der kirchliche Westen dürstet danach, um die Schönheit der Anbetung Gottes wiederzuentdecken und zu erkennen, wie wichtig es ist, die Gemeinschaft des Glaubens nicht in erster Linie auf der Grundlage programmatischer und funktionaler Effizienz zu konzipieren.

Der zweite Ratschlag betrifft das Handeln. Einheit wird nicht so sehr durch gute Absichten und das Bekenntnis zu dem ein oder anderen gemeinsamen Wert erreicht, sondern dadurch, dass man gemeinsam etwas für diejenigen tut, die uns dem Herrn in besonderer Weise näherbringen. Wer sind diese? Es sind die Armen, weil Jesus in ihnen gegenwärtig ist (vgl. Mt 25,40). Gemeinsam geübte Nächstenliebe öffnet Horizonte und hilft uns, schneller voranzugehen und Vorurteile und Missverständnisse zu überwinden. Und auch sie ist eine Eigenschaft, die gut zu diesem Land passt, lernt man hier in der Schule doch ein Gedicht auswendig, das folgende sehr schöne Passage enthält: »Wenn die Hand eines Fremden mit aufrichtigem Vertrauen an unsere Tür klopft – wer immer es sei, ob von nah oder fern, ob am Tag oder bei Nacht, auf unserem Tisch wird Gottes Gabe auf ihn warten« (Samo Chalupka, Mor ho!, 1864). Möge die Gabe Gottes auf den Tischen eines jeden von uns zu finden sein, damit wir, auch wenn wir uns noch nicht um denselben eucharistischen Tisch versammeln können, Jesus gemeinsam aufnehmen können, indem wir ihm in den Armen dienen. Dieses Zeichen wird aussagekräftiger sein als viele Worte und wird der Zivilgesellschaft, insbesondere in diesen schwierigen Zeiten, helfen, zu verstehen, dass wir nur dann wirklich alle zusammen die Pandemie hinter uns lassen werden, wenn wir uns auf die Seite der Schwächsten stellen.

Liebe Brüder, ich danke euch für eure Anwesenheit und für euren Weg. Der gütige und gastfreundliche Charakter, der für das slowakische Volk typisch ist, euer traditionell friedliches Zusammenleben und eure Zusammenarbeit zum Wohle des Landes sind wertvoll für die Entfaltung des Evangeliums. Ich ermutige euch, den ökumenischen Weg weiterzugehen, der ein wertvoller und unverzichtbarer Schatz ist. Ich versichere euch meines Gedenkens im Gebet und bitte euch, für mich zu beten. Danke.



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