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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH ECUADOR, BOLIVIEN UND PARAGUAY

(5.-13. JULI 2015)

BEGEGNUNG MIT DEN JUGENDLICHEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Flusspromenade "Costanera", Asunción (Paraguay)
Sonntag, 12. Juli 2015

[Multimedia]


 

Liebe junge Freunde, guten Abend,

nachdem Orlando das Evangelium gelesen hat, ist er zu mir gekommen, um mich zu begrüßen, und hat mir gesagt: „Ich bitte dich, für die Freiheit eines jeden von uns zu beten, für unser aller Freiheit.“ Das ist der Segen, den Orlando für jeden von uns erbeten hat. Es ist der Segen, den wir jetzt alle gemeinsam erbitten: die Freiheit. Denn die Freiheit ist ein Geschenk, das Gott uns macht. Doch man muss es anzunehmen wissen, man muss verstehen, ein freies Herz zu haben; wir wissen ja alle, dass es in der Welt viele Schlingen gibt, die unser Herz fesseln und nicht zulassen, dass es frei ist. Die Ausbeutung, der Mangel an Überlebensmitteln, die Abhängigkeit von Drogen, die Traurigkeit – alles Dinge, die uns die Freiheit nehmen. So wollen wir alle gemeinsam Orlando danken, dass er diesen Segen erbeten hat: das freie Herz – ein Herz, das sagen kann, was es denkt, das sagen kann, was es empfindet, und das tun kann, was es denkt und was es empfindet. Das ist ein freies Herz! Und das ist es, was wir jetzt alle gemeinsam erbitten, diesen Segen, den Orlando für alle erbeten hat. Wiederholt mit mir [Der Heilige Vater spricht das Gebet Satz für Satz, und die Jugendlichen wiederholen es]: „Herr Jesus, gib mir ein freies Herz… das nicht Sklave all der Fallen der Welt ist; das nicht Sklave der Bequemlichkeit, der Täuschung ist; das nicht Sklave des ,angenehmen Lebens‘ ist; das nicht Sklave der Laster ist. Das nicht Sklave einer falschen Freiheit ist, die darin besteht, immer das zu tun, was mir gerade gefällt.“ Danke, Orlando, dass du uns bewusst gemacht hast, dass wir ein freies Herz erbitten müssen. Bittet alle Tage darum!

Wir haben zwei Zeugnisse gehört: das von Liz und das von Manuel. Liz hat uns etwas gelehrt. So wie Orlando uns gelehrt hat zu beten, um ein freies Herz zu haben, zeigt Liz uns mit ihrem Leben, dass man nicht sein darf wie Pontius Pilatus und sich „die Hände reinwaschen“. Liz hätte seelenruhig ihre Mutter in ein Heim und ihre Großmutter in ein anderes Heim bringen und ihr Leben wie das eines jungen Mädchens gestalten können, mit Vergnügungen und einem Studium nach ihren Wünschen. Und Liz sagte: „Nein, die Großmutter, die Mutter…“. Und Liz verwandelte sich in eine Dienerin, in eine Bedienstete und – wenn ihr es noch stärker wollt – in eine Dienstmagd ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Und sie tat es mit Liebe! Bis zu dem Punkt – sagte sie –, dass sich sogar die Rollen vertauschten und sie schließlich die „Mutter“ ihrer Mutter wurde, in der Weise, wie sie sie pflegte. Ihre Mutter mit dieser so grausamen Krankheit, die alles durcheinander bringt. Und sie verzehrte ihr Leben, bis jetzt, bis zum Alter von 25 Jahren, indem sie ihrer Mutter und ihrer Großmutter diente. Allein? Nein, Liz war nicht allein. Sie sagte zwei Dinge, die uns helfen müssen: Sie sprach von einem Engel, von einer Tante, die wie ein Engel war; und sie sprach von der Begegnung mit den Freunden am Wochenende, mit der Jugendgruppe für die Evangelisierung, mit der Jugendgruppe, die ihren Glauben nährte. Und diese zwei Engel – die Tante, die ihr beistand, und diese Jugendgruppe – gaben ihr viel Kraft, um weiterzumachen. Und das nennt sich Solidarität. – Wie nennt sich das? [Die Jugendlichen antworten: „Solidarität“] Wenn wir das Problem eines anderen auf uns nehmen. Und dort hat sie eine Oase des Friedens für ihr müdes Herz gefunden. Doch es gibt noch etwas, das uns entgangen ist. Sie sagte nicht: „Ich tue das und nichts anderes.“ Sie hat studiert! Und ist Krankenschwester. Und indem sie all das tat, hat ihr der Beistand, die Solidarität, die sie von euch, von eurer Gruppe empfing und den sie von dieser Tante empfing, die wie ein Engel war,  geholfen voranzugehen. Und heute, im Alter von 25 Jahren, besitzt sie die Gnade, um die Orlando uns hat beten lassen: Sie hat ein freies Herz. Liz erfüllt das vierte Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Liz bringt ihr Leben zum Ausdruck – sie „verzehrt“ es! – im Dienst an ihrer Mutter. Das ist ein äußerst hoher Grad von Solidarität, es ist ein äußerst hoher Grad von Liebe. Ein Zeugnis. – „Padre, es ist also möglich, zu lieben?“ Hier habt ihr eine, die uns lieben lehrt.

Erstens: Freiheit, ein freies Herz. Also, alle zusammen. Erstens [gemeinsam mit den Jugendlichen]: „ein freies Herz.“ – Zweitens: Solidarität, um zu begleiten. Solidarität. Das ist es, was uns dieses Zeugnis lehrt.

Und Manuel wurde in seinem Leben nichts geschenkt. Manuel ist kein „Muttersöhnchen“. Er war kein „Schoßkind“. Er war nicht ein Junge – und heute ein junger Mann –, der ein leichtes Leben hatte. Er gebrauchte harte Worte: „Ich wurde ausgebeutet, wurde misshandelt, war in Gefahr, in Abhängigkeiten zu geraten… ich war allein.“ Ausbeutung, Misshandlung, Einsamkeit. Und anstatt schlechte Wege einzuschlagen, anstatt stehlen zu gehen, machte er sich an die Arbeit! Anstatt sich für sein Leben zu rächen, hat er vorwärts geschaut. Und Manuel hat einen schönen Satz gesagt: „Ich konnte vorangehen, denn in der Situation, in der ich mich befand, war es schwierig, von Zukunft zu reden.“ Wie viele junge Menschen wie ihr haben heute die Möglichkeit zu studieren, sich jeden Tag mit der Familie zu Tisch zu setzen, haben die Möglichkeit, dass es ihnen nicht an Wesentlichem fehlt? Wie vielen von euch geht es so? Alle zusammen, denen es so geht, sollen sagen: „Danke, Herr!“ [Die Jugendlichen wiederholen: „Danke, Herr!“] Danke! Denn hier haben wir das Zeugnis eines jungen Mannes gehabt, der von Kind an wusste, was Schmerz, was Traurigkeit ist, der ausgebeutet und misshandelt wurde, der nichts zu essen hatte und allein war. Herr, rette die Kinder, die sich in einer solchen Situation befinden! Und für uns, Herr: Danke! Danke, Herr! Alle: „Danke, Herr!“

Freiheit des Herzens – erinnert ihr euch? – Freiheit des Herzens ist das, was Orlando uns sagte. Dienst, Solidarität ist das, was Liz uns sagte. Hoffnung Arbeit, kämpfen für das Leben, vorangehen ist das, was Manuel uns sagte.

Wie ihr seht,  ist für viele junge Menschen das Leben nicht einfach. Und ich möchte, dass ihr das versteht, ich möchte, dass ihr euch das gut einprägt: Wenn für mich das Leben relativ leicht ist, gibt es doch andere Kinder und Jugendliche, für die es nicht relativ leicht ist. Mehr noch: Es gibt solche, die die Verzweiflung in die Kriminalität treibt, ins Verbrechen treibt, sie dazu treibt, mit der Korruption zusammenzuarbeiten! Diesen Jungen und Mädchen müssen wir sagen, dass wir ihnen nahe sind, dass wir ihnen beistehen wollen, dass wir ihnen helfen wollen – mit Solidarität, mit Liebe, mit Hoffnung.

Es gab zwei Dinge, welche die beiden, die gesprochen haben – Liz und Manuel – gesagt haben. Zwei schöne Sätze; hört sie an. Liz hat gesagt, dass sie begann, Jesus kennen zu lernen – Jesus kennen zu lernen! –, und das bedeutet, der Hoffnung die Tür zu öffnen. Und Manuel sagte: „Ich erkannte Gott, meine Stärke.“ Gott zu erkennen, bedeutet Stärke. Mit anderen Worten, Gott kennen, sich Jesus nähern ist sowohl Hoffnung als auch Stärke. Und das ist es, was wir in der Jugend heute brauchen: junge Menschen mit Hoffnung, junge Menschen mit Kraft und Stärke. Wir wollen keine „lahmen“, „lustlosen“ Jugendlichen mit einer Mentalität des „bis hier und nicht weiter“ – weder ja, noch nein…Wir wollen keine jungen Menschen, die sofort müde werden und müde dahinleben, mit gelangweiltem Gesicht. Wir wollen starke Jugendliche. Wir wollen junge Leute voller Hoffnung und Kraft. Warum? Weil sie Jesus kennen, weil sie Gott kennen. Weil sie ein freies Herz haben. Ein freies Herz. Wiederholt! [Die Jugendlichen wiederholen jedes der Worte] Solidarität! Arbeit! Hoffnung! Stärke! Jesus kennen! Gott, meine Stärke, kennen! – Ein junger Mensch, der so lebt, hat der ein gelangweiltes Gesicht? [Antwort der Jugendlichen: „Nein!“] Hat er ein trauriges Herz? [Antwort: „Nein“!] Das ist der Weg!

Doch das verlangt Opfer, dafür muss man gegen den Strom schwimmen. Die Seligpreisungen, die wir vorhin gelesen haben, sind der Plan Jesu für uns. Und es ist ein Plan „gegen den Strom“. Jesus sagt euch: „Selig, die arm sind vor Gott.“ Er sagt nicht: „Selig die Reichen, diejenigen, die Geld scheffeln.“ Nein. Diejenigen, welche die innere Haltung des Armen haben, diejenigen, die fähig sind, sich zu nähern und das Wesen des Armen zu verstehen. Jesus sagt nicht: „Selig, die ein sorgenfreies Leben verbringen“, sondern er sagt: „Selig, die fähig sind, über den Schmerz der anderen traurig zu sein.“ Und so empfehle ich euch, nachher zu Hause die Seligpreisungen zu lesen, sie stehen im fünften Kapitel vom heiligen Matthäus. In welchem Kapitel stehen sie? [Antwort der Jugendlichen: „Im fünften!“] Von welchem Evangelium? [Antwort: „Matthäus!“] Lest sie und meditiert sie, das wird euch gut tun!

Ich habe dir zu danken, Liz; ich danke dir, Manuel; und ich danke dir, Orlando. Ein freies Herz – das ist es, was es braucht.

Und nun muss ich gehen… [die Jugendlichen: „Nein!“]… Vor ein paar Tagen sagte mir ein Pfarrer im Scherz: „Ja, fahren Sie nur fort, den Jugendlichen zu sagen, dass sie Wirbel machen sollen, fahren Sie nur fort! Aber nachher – den Wirbel, den die jungen Leute machen, den müssen dann wir wieder in Ordnung bringen.“ – Macht Wirbel! Aber helft auch, den Wirbel, den ihr macht, zu ordnen und zu organisieren. Zweierlei: Macht Wirbel und organisiert ihn gut! Einen Wirbel, der uns ein freies Herz verschafft; einen Wirbel, der uns Solidarität schenkt; einen Wirbel, der uns Hoffnung gibt; einen Wirbel, der daraus entspringt, dass wir Jesus kennen gelernt haben und dass wir wissen, dass Gott, den wir erkannt haben, unsere Stärke ist. Das ist der Wirbel, den ihr machen sollt.

Da ich die Fragen kannte – denn man hat sie mir vorher gegeben –, hatte ich eine Ansprache für euch geschrieben, um sie euch zu halten, aber die Ansprachen sind langweilig…, und so gebe ich sie dem für die Jugendarbeit zuständigen Bischof, damit er sie veröffentlicht.

Und jetzt, bevor ich gehe, [die Jugendlichen: „Nein!“] bitte ich euch erstens, dass ihr weiter für mich betet; zweitens, dass ihr weiter Wirbel macht; drittens, dass ihr helft, den Wirbel, den ihr macht, zu organisieren, damit er nichts zerstört.

Und nun wollen wir alle gemeinsam im Schweigen das Herz zu Gott erheben. Jeder wiederhole aus ganzem Herzen mit verhaltener Stimme diese Worte:

Herr Jesus, ich danke dir, dass ich hier bin. Ich danke dir, dass du mir Brüder und Schwestern gegeben hast wie Liz, Manuel und Orlando. Ich danke dir, dass du uns viele Geschwister gegeben hast, die sind wie sie – die dir, Jesus, begegnet sind; die dich, Jesus, kennen gelernt haben; die wissen, dass du, ihr Gott, ihre Stärke bist. Jesus, ich bitte dich für die Jungen und Mädchen, die nicht wissen, dass du ihre Stärke bist, und die Angst haben zu leben, Angst, glücklich zu sein, die Angst haben zu träumen. Jesus, lehre uns zu träumen; von großen Dingen, von schönen Dingen zu träumen – von Dingen, die selbst, wenn sie alltäglich erscheinen, etwas sind, das unser Herz weit macht. Herr Jesus, gib uns Stärke, gib uns ein freies Herz, gib uns Hoffnung, gib uns Liebe und lehre uns zu dienen. Amen.

Jetzt gebe ich euch den Segen und bitte euch, dass ihr für mich betet und dass ihr für so viele Jungen und Mädchen betet, die nicht die Gnade empfangen haben, die ihr habt, nämlich Jesus kennen gelernt zu haben, der euch Hoffnung gibt, der euch ein freies Herz gibt und der euch stark macht.

Und so segne euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

 


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